Das 20. Jahrhundert

Aufschwung und Einbrüche

Blick vom Stift

Die Entwicklung bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges
Um die Jahrhundertwende wurden in vielen Sendenhorster Brennereien ähnlich leistungsfähige Dampfkessel unterschiedlicher Typen mit 6 bis 9 Atm Überdruck installiert (u.a. Arens gut Sommersell 1911/7 Atm; Everke 1902/8 Atm; Horstmann 1890/6 Atm; Panning 1912/ 7 Atm; Hesse/später Graute 1910/8 Atm).

Mit Ausnahme von Edmund Panning, der im Jahre 1909 noch innerhalb seines Wohnhauses an der Weststraße am Kirchplatz (heute Wiedehage) einen kleinen Bereich als Kesselhaus mit einem Platz sparenden stehenden Kessel und einem nur 9 m hohen Blechkamin einrichtete, entschieden sich die Sendenhorster Brenner für liegende, aut- arke und fest eingebaute Dampfkessel, die ein stattliches Format aufwiesen. Sie dien- ten zum einen für den Brennvorgang als Heizquelle; zum anderen aber wurde mit ihnen Druck zum Antrieb einer Dampfmaschine erzeugt, mit der wiederum über Transmissionsriemen Pumpen und andere Geräte in Bewegung gesetzt werden konn- ten. Für diese großen Kessel benötigte man eigene Kesselhäuser und hohe Schornsteine, die bis zur Stadtsanierung ab den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts das Stadtbild prägten.

Mit der Einführung dieser neuen Generation von Dampfkesseln, die in den folgenden Jahrzehnten immer wieder gegen größere und leistungsfähigere Apparate ausgetauscht werden sollten, änderte sich auch die gesamte technische Ausstattung der Kornbren- nereien. Die Zeit der kleinformatigen „Alleskönner", die nur über eine geringe Brennkapazität verfügten und in einem Raum untergebracht werden konnten, war jetzt endgültig vorbei. Die Brennereieinrichtungen wurden zu räumlich und technisch höchst anspruchsvollen Anlagen. Aufgrund ihrer Ausmaße und der Vielfalt der Gerätschaften entstanden nun oft mehrstöckige Brennereigebäude, die jedoch häufig noch immer in direkter Verbindung mit dem Wohnhaus des Brenners standen.

 

..Ende S. 20...S. 25 unten ..Welche Auswirkungen der Betrieb der Brennereien im eng bebauten Stadtkern haben konnten, das wird aus einem Beschwerdeschreiben des Apothekers Pottmeyer (heute Adler-Apotheke) vom 26. November 1927 an den Beckumer Landrath Fenner von Fenneberg deutlich, das sich im Original in der Amtsakte der Brennerei Panning im Sendenhorster Stadtarchiv befindet.Darin heißt es: "Durch fortwährende Änderungen und Neuanlagen der landwirtschaftlichen Brennerei meines Nachbars, Edmund Panning hierselbst, wird mein Wohnhaus, in dem sich die Apotheke befindet, derartig in Mitleidenschaft gezogen, dass es unmöglich ist, meinen Apothekerbetrieb in vorschriftsmäßigem Zustand zu erhalten. Sowohl das Inventar und die Vorräte in der Apotheke sowie auch meine Privatwohnung und Einrichtungen werden durch den fortwährenden Wasserdampf und durch Ablassen des heißen Wassers derart beschädigt, dass ständige Reparaturen und Neuanschaffung von Apothekerwaren notwendig sind. Auch ist der Schornstein viel zu niedrig, um den Rauch in höhere Luftschichten abzulassen. Durch die Anlage eines Henzedämpfers wird ein derartiger Geruch verbreitet, dass ein Aufenthalt in mei- nem Hause fast unmöglich ist. Ein Öffnen der Fenster ist ausgeschlossen und wird t dadurch die Feuchtigkeit noch vergrößert. Da die Brennerei in eine Dampfbrennerei umgeändert ist, erscheint mir die ganze Anlage nicht den Forderungen zu entsprechen, die polizeilicher Seits für eine geschlossene Ortschaft verlangt werden.Ich ersuche höflich, meine Beschwerde einer gefälligen Prüfung zu unterziehen". ErgebenstGez. H. Pottmeyer Apotheker Nach Prüfung der Gegebenheiten meldete Bürgermeister Austrup an den Landrat folgendes: "Die Angaben des Beschwerdeführers entsprechen zum größten Teil den Tatsachen. Die heißen Abwässer der Brennerei fließen durch die gemeinschaftliche Gasse und die Straßenrinne, was nicht zulässig ist. Panning will demnächst die Abwässer unteridisch ableiten. Die Dampfbrennerei besteht seit 7 Jahren. Der Schornstein hat eine Höhe von ca. 22 m. Bei tiefem Wolkengang schlägt der Rauch Erde. Der Henzedämpfer liegt im Obergeschoss der Brennerei und wird morgens von 6 bis 8 Uhr genutzt. Er verursacht starkes Geräusch und üblen Geruch. Eine technische Prüfung durch das Gewerbeaufsichtsamt bzw. durch das Hochbauamt wäre hier angeebracht".Die Beschwerdegründe wurden also anerkannt und der Brennereibesitzer Panning auf- gefordert, die Mängel zu beseitigen. Allerdings fügt der Bürgermeister Austrup hinzu: Die Angelegenheit kann erst nach Beendigung der Brennperiode erledigt werden, da Panning sonst den ganzen Betrieb stilllegen muss. Pottmeyer erklärt sich damit einverstanden."Im Rückblick erscheint das 20. Jahrhundert für die Sendenhorster Kornbrennereien zum einen durch wirtschaftliche Aufschwungphasen, zum anderen aber durch schwere Einbrüche wie z.B. die beiden Weltkriege geprägt. Die sich daraus ergebenden ver- änderten Rahmenbedingungen zwangen manchen Brenner zum Umdenken und Umstrukturieren oder sogar zur Aufgabe des Betriebes.Im Laufe des Ersten Weltkrieges wurden die meisten Kornbrennereien mit einem Brennverbot belegt, das erst 8 Jahre später — im Jahre 1924— aufgehoben wurde. In die- sen langen Jahren des Stillstandes ging der Kornbranntweinmarkt weitgehend verloren; die Bevölkerung war — so in der Festschrift — „nicht mehr an den Korngenuß gewöhnt".Ein Jahr nach Kriegsende, am 1. Oktober 1919, brach eine neue Ära in der Geschichte der Kornbrennereien an. Mit dem Ziel, höhere Steuereinnahmen zu erzielen, schuf die Regierung gegen den Willen der Kornbrenner nun doch das Branntweinmonopol. Es sah die Abgabe des Rohbrandes an die Monopolverwaltung vor, die jetzt die Herstellung des Trinkbranntweins übernehmen sollte. Von diesem Zeitpunkt an über- ließen die Kornbrenner den Grossteil ihres Rohbrandes zu einem festgelegten Über- nahmepreis der Monopolverwaltung. Im Gegensatz zu der Zeit davor, als die gesamte Produktionsmenge selbst vertrieben wurde, verarbeitete man nun nur noch eine klei- nere Menge Rohbrand zu trinkfertigem Korn, um diesen in Eigenregie zu vermarkten.1922 gründete man die „Einkaufsgesellschaft Deutscher Getreidebrennereien GmbH" (EDG) — eine Institution, die sich mit der Beschaffung der Rohstoffe und Betriebs- mittel für das Brennereigewerbe, ihrer Lagerung und ihres Transports befasste. 1923 und 1930 folgten zwei weitere Selbsthilfeorganisationen — die Amylo-Deutsche Getreideimport-Bank AG" zur Finanzierung der Rohstoffeinkäufe der EDG, und die Deutsche Kornbranntwein-Verwertungsstelle GmbH (DKV) mit Sitz in Münster. Ihre Aufgabe sollte es u.a. sein, den Kornbranntwein, den die Brenner nicht selbst verwer- teten, im Auftrag der Monopolverwaltung zu übernehmen, um ein Überangebot auf dem Markt und den damit verbundenen Preisverfall zu verhindern.Zumindest in Sendenhorst hat es den Anschein, dass sich einige Kornbrennereien in diesen Jahren nach der Einführung des Branntweinmonopols, mit der die Abgabe des Rohdestillats gegen ein festes Übernahmegeld verbunden war, durchaus erholten. So wurden hier gerade in den 20er Jahren in zahlreichen Sendenhorster Betrieben die vorhandenen Dampfkessel durch größere und leistungsfähigere Geräte ersetzt, Kesselhäuser oder neue Brennereigebäude gebaut (u.a. Panning (1922) , Hesse/später Graute (1923), Jönsthövel (1923), Bonse (1925), Arens-Sommersell (1928)).Mit dem Ausbau der Brennereien ging oft auch die Vergrößerung der Stallungen einher, da mit den verbesserten Brenngeräten mehr Schlempe für die Tiere anfiel. Zudem errichteten einige Brennereibesitzer repräsentative Villen, die vom Wohlstand ihrer Bewohner kündeten (u.a. Rötering 1922/23, Arens-Sommersell 1923, Werring, Elmenhorst 1923.

 

Doch in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg verschlechterte sich die Lage zuse hends. 1933 erschien in der Brennerei-Zeitung ein Artikel mit dem Titel „Kornbren nerei in Not". Absatznot bei gleich bleibenden Unkosten, Preisschleuderei sowie di ausgedehnte Schwarzbrennerei wurden als Gründe für die prekäre Lage de Kornbrennereien angegeben.In der besagten Festschrift werden die schwierigen Bedingungen unter der National- sozialistischen Regierung beschrieben. Bereits 1935 verlor der Kornbrennerverein seine Unabhängigkeit. Im Rahmen des organisatorischen Neuaufbaus der deutschen Wirtschaft wurde er in die sog. Fachgruppe Kornbrennereien der Wirtschaftsgrupp( Spiritusindustrie eingegliedert. Bis 1945 war man nun Teil des Reichsnährstandes. Ein Jahr darauf wurde ein Brennverbot für die Brotgetreidesorten Roggen und Weizer erlassen, da man eine „Nationalreserve" anlegen wollte. Auch wenn dieses Brennverboi immer wieder einmal gelockert wurde und teilweise auch Gerste und andere Rohstoffe zur Verarbeitung zugelassen wurden - im Grunde waren mit Ausnahme den Brennerei Everke, die den Betrieb aufrecht erhalten durfte, in den Kriegsjahren und zum Teil noch bis 1947/48 alle Sendenhorster Brenner davon betroffen. In den noch vorhandenen Familienarchiven der ehemaligen bzw. noch aktiven Kornbrenner finden ...

 

 

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