Als Köchin bei der Brennerfamilie Everke

Es muss etwa im Jahr 1950 gewesen sein, als ich eine Blinddarmoperation hatte und mehrere Wochen nicht arbeiten konnte. Meine damalige Arbeitgeberin hatte mir deshalb gekündigt. Ich habe dann regelmäßig im Arbeitsamt nachgefragt, ob man mir eine andere Stelle als Haushilfe anbieten könnte.

Über Wochen bekam ich immer dieselbe
Antwort: „Der Brennereibesitzer Everke in Sendenhorst sucht für seinen großen
Haushalt (dem immerhin 17 Personen angehörten) dringend eine neue Köchin!“ Da
ich noch in Fellhammer Weißnäherin gelernt hatte und vom Kochen nur das Nötigste
verstand, kam diese Stelle für mich zunächst einmal gar nicht in Frage. Da sich aber
nun gar nichts anderes fand, habe ich mich schließlich überreden lassen, wenigstens
einmal bei Everkes vorzusprechen. Und die junge Frau Everke meinte: „Wissen Sie
was, wir probieren das!“
Also habe ich gelernt, jeden Tag für 17 Personen zu kochen. Da waren die Großmutter
(„Omi“) Everke, die jungen Eltern Heinrich und Erika Everke und ihre 7 Kinder, eine
pensionierte Privatlehrerin, die den Kindern bei den Schularbeiten half, ein
Kindermädchen und ein Hausmädchen, das den ganzen Tag nichts anders tat als zu
putzen, ein Brenner, ein Schweizer-Ehepaar und ich als Köchin.
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Ich erinnere mich noch an das Kartoffelpufferbacken für so viele Menschen! Da gab
es keine Maschinen! Und Nikolaus wurden Plätzchen gebacken. Milchkannen voll!
Selbst Marzipan haben wir selbst hergestellt.Wenn Nikolaus gewesen war, dann waren
die „Pötte“ natürlich wieder leer und man fing von vorne an. Jeder bekam einen Teller,
auch wir Mädchen.
Die junge Frau Everke, sie hatte alles im Griff. Immer trug sie eine Tasche am Arm, in
der sie einen Stift und ein Notizheft hatte, um aufzuschreiben, was nötig war. Meist
kaufte sie selber ein. Nur am Freitag ging ich zur Molkerei. Ich weiß gar nicht mehr,
wie viel Butter und Käse ich dort geholt habe! Unmengen! Sonst war eigentlich alles
vorhanden. Everkes hatten ja einen großen Gemüsegarten, in dem auch ein
Hühnerstall stand. Er lag stadtauswärts am Ende der Neustraße auf der linken Seite.
Morgens machte ich das
Frühstück fertig. Ich erinnere
mich, dass die Butter
immer verziert werden
musste. Wenn ich keine
Zeit hatte, habe ich
manchmal nur mit der
Gabel reingepickt.
Mittags gab es für alle
reichlich und gut zu essen.
Vorne im Speisezimmer
aßen die Eltern, die
Kinder, das Kindermädchen
und die Lehrerin; in
der Küche das Stubenmädchen,
der Brenner und
ich. Das Schweizer-Ehepaar
nahm sein Essen mit
auf die Kammer. Das
Fleisch wurde immer erst
in das Speisezimmer gebracht,
wo der Hausherr es
teilte. Dann wurde geschellt
und Margot, das
Hausmädchen, ging und
holte unseren Anteil.
Natürlich mussten auch
die Männer auf dem Feld
und beim Dreschen in der
Feldscheune versorgt wer- Abb.127: Haus Everke heute
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den. Eines Tages sollte ich
Kartoffelbrei und Sauerkraut
mit durchwachsenem Speck
zur Feldscheune bringen –
und zwar mit Pferd und
Wagen! Ich hatte doch noch
nie ein Pferd gelenkt, aber
Frau Everke meinte: „Das geht
schon! Das können sie alle!“
Pferd und Wagen standen
schon angespannt vor Everkes
Stall auf der Neustraße. Autos
fuhren ja damals noch nicht.
Ich bin also auf den Wagen
gestiegen und gleich beim
Anfahren habe ich schon fast
die Hausecke mitgenommen.
Ich war froh, dass ich keine
Erbsensuppe auf dem Wagen
hatte, die es normalerweise
gab. Das Pferd ist dann brav
mit mir bis zum Feldweg und
weiter zur Feldscheune gelaufen.
Es wusste genau Bescheid.
Als „wir“ vorfuhren, kamen
die Männer aus der Scheune
und freuten sich, dass es dieses
Mal keine Erbsensuppe gab. Auch auf dem Rückweg hat mich das Pferd nicht enttäuscht.
Es lief anstandslos und ohne mein Zutun in Richtung Stadt zurück zum Stall.
Der Brenner arbeitete nur in der Brennerei. Er war ein junger Bursche und hieß Paul
Mohrfeld, der über der Tenne in einem Zimmer mit eigenem Badezimmer wohnte.
Übrigens haben alle Angestellten mit der Familie in dem großen Haus gewohnt. Mit
der Brennerei hatte ich eigentlich weniger zu tun.Auf dem Kessel oben haben wir die
Wäsche getrocknet. Manchmal haben wir auch geholfen, die Flaschen abzufüllen.Wir
saßen dann alle im Kreis in dem großen Flur und jeder übernahm eine andere Aufgabe.
Erst wurden die Flaschen mit einer Korkmaschine zugekorkt,was immer einen Ruck
und ein komisches Geräusch verursachte. Danach mussten über die Korken und
Flaschenhälse Gummihäute gezogen werden, die vorher in Wasser gelegt wurden, um
sie geschmeidiger zu machen. Zum Schluss wurden die Flaschen mit Etiketten beklebt,
abgeputzt und in Kästen verstaut. Über die Doppelkornflasche wurde übrigens ein
Bastgeflecht gezogen, das verknotet werden musste.
Abb.128: Senta Fronholt mit ihrem Mann Josef Fronholt
Eines Tages gab mir Herr Everke den Auftrag, Flaschen mit Wacholder abzufüllen.
Dafür musste man mit einem fingerdicken Schlauch, der in einem Fass steckte, den
Wacholderschnaps so lange „ansaugen“, bis er von alleine lief. Dann hielt man eine
leere Flasche darunter und wenn sie voll war, drückte man einfach den Schlauch zu
und nahm die nächste. Herr Everke hatte mich für diese Aufgabe ausgesucht,weil derjenige,
der das bis dahin gemacht hatte, weniger die Flaschen, als sich selber abgefüllt
hatte! Da ich an Alkohol überhaupt nicht gewöhnt war, konnte er bei mir sicher sein,
dass das nicht passierte.

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