Die Gründung der Stadt Sendenhorst

Im 12. Jahrhundert entwickelte sich in Westeuropa eine neuartige, fortschrittliche Form menschlichen Zusammenlebens: durch kaiserliche oder landesherrliche Privilegien aus dem bäuerlichen Umland herausgehobene Marktzentren, die Städte. Kaufleute und Handwerker siedelten an verkehrsgünstigen Stellen oder in der Nähe von Dynasten- oder Domburgen, schlossen sich zu einer Schwurgemeinschaft zusammen und bildeten die Bürgerschaft. Zäh und erfolgreich setzten die Bürger ihre Ansprüche auf Mitverwaltung, später auf völlige Autonomie, gegenüber ihrem Stadtherrn durch. Bis 1180 hatte Münster den Weg von einer kleinen Marktsiedlung am Rande der Bischofsburg zur wichtigsten Stadt Westfalens durchlaufen28. Beckum und Ahlen, in der Nachbarschaft Sendenhorsts, waren seit 1200 auf dem Wege zur Stadt. Um einen bischöflichen Haupthof, auf dem die Pfarrkirche stand, waren hier geschützte Siedlungen mit Marktfunktion entstanden, die sich Zug um Zug von den bischöflichen Landesherren Rechte und Privilegien ertrotzten. Ahlen und Beckum waren zu dieser Zeit die wirtschaftlichen Zentren für das südöstliche Münsterland.

Die Verleihung der Stadtrechte erscheint uns heutigen Menschen unerheblich, ein formaler Verwaltungsakt ohne Konsequenzen. Seit der Verfassung der Neuzeit, den bürgerlichen Gesetzbüchern, den Menschenrechtserklärungen, gilt der Grundsatz: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, unabhängig von Religion und Hautfarbe, unabhängig aber auch vom Wohnsitz, von Stadt oder Land. Das war nicht immer so. Im Mittelalter wohnte die Masse der Bevölkerung auf dem Lande, war an die Scholle gebunden, in der Freizügigkeit eingeschränkt oder im Eigentum des Herrn. Nur wenige Freibauern und die Bürger der Städte waren frei. Der Wohnsitz innerhalb der Mauern einer Stadt machte die Menschen frei, hob sie aus dem unfreien bäuerlichen Umland heraus. 

Auch für die Handwerker und Händler, die sich rund um die Sendenhorster Kirche niedergelassen hatten, mußte eine Stadtrechtsverleihung für ihre kleine Siedlung verlockend und erstrebenswert sein. Leider war der Ort zu unbedeutend, der Handel beschränkte sich auf den Warenaustausch mit den umliegenden Bauerschaften. Für ein weiteres städtisches Zentrum neben Beckum und Ahlen im Süden und Osten, Telgte und Warendorf im Norden und Nordosten war in der Region absolut kein Bedarf. Und dennoch bekamen die Sendenhorster Stadtrechte.

Das Bischof Ludwig sich um 1315 entschloß, sein Kirchdorf Sendenhorst in den Rang einer Stadt zu erheben, hatte weniger wirtschaftliche als militärisch-politische Gründe. Um den Vorgang und seine Begleitumstände zu verstehen, müssen wir an dieser Stelle ein kleines Kapitel münsterländische Landesgeschichte einschieben. Westfalen gehörte seit der Landnahmezeit des 7./8. Jahrhunderts zu Sachsen. Im Herzogtum Sachsen machten sich seit Anfang des 12. Jahrhunderts Auflösungserscheinungen bemerkbar. Die geistlichen und weltlichen Herren Westfalens bauten ihren zunächst noch nicht festumrissenen Herrschaftsbereich zu einem geschlossenen Territorium aus, zu einem Flächenstaat mit dem Herrschaftsanspruch über alle in dem Gebiet wohnenden Menschen. Auch die Bischöfe von Münster strebten nach Landesherrschaft. Sie hatten ein klares Ziel vor Augen, ihren geistlichen Herrschaftsbezirk, die »parochia des Hl. Liudger«, das Bistum, zu einem weltlichen Territorium auszubauen. Am Ende deckten sich Bistum und Fürstbistum. Zuständigkeitsbereich des Seelenhirten und des Landesherrn. Die Bischöfe von Münster führten sich schon um 1150 wie Herzöge in ihrem Bistum auf. Sie beanspruchten für sich das Recht, die Gografen (Richter) zu ernennen29. Der Prozeß der Territorialisierung des Bistums Münster erstreckte sich über beinahe 200 Jahre und war von Fehden und Kriegen mit den Nachbarn und mit den heimischen Edelherren begleitet. Seit 1200 war Münster jenseits der Lippe ein gefährlicher Gegner entstanden, die Herrschaft der Grafen von der Mark, die ihre Burg Mark in der Nähe der Bistumsgrenze zu einem Mittelpunkt ausbauten und 1226 Hamm gründeten. Wenn die Märker auch ihre heftigsten Auseinandersetzungen mit den Erzbischöfen von Köln ausfochten, so gerieten sie gegen Ende des 13. Jahrhunderts zunehmend stärker mit den Bischöfen von Münster aneinander. Noch war die Lippe nicht anerkannte Grenze zwischen den beiden Ländern.

Ein beliebtes Mittel der Herrschaftssicherung war die Anlage von Landesburgen, befestigte Plätze, die durch adlige Berufskrieger gesichert wurden. Aber die Unterhaltung dieser Burgen wurde immer kostspieliger, ließ sich auf Dauer kaum noch aufrecht erhalten. Die Dienstmannen beanspruchten Güter und Geldeinnahmen auf Lebenszeit (Lehen), verstanden es sogar, einen Erbanspruch auf die Lehen durchzusetzen. Die ritterlichen Landesverteidiger wurden den armen Bischöfen, die ja noch nicht über regelmäßige Steuereinnahmen verfügten, zu teuer. Billiger und wirksamer war es, statt der Berufskrieger den jungen Bürgerstand zu militärischen Diensten heranzuziehen. Für das Privileg der Freizügigkeit und Selbstverwaltung waren Handwerker, Händler und Landwirte bereit, ihre Siedlung zu befestigen und für ihren Bischof zu verteidigen. Und so kommt es seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zu Stadtgründungen, die ökonomisch, als Marktzentren für eine größere Region, völlig überflüssig waren und nur noch militärische Bedeutung haben. Die Verleihung städtischer Rechte an schon bestehende, dichter besiedelte Kirchorte war recht vorteilhaft. Es kostete dem Bischof nur eine Pergamenturkunde, und schon hatte er einen zuverlässigen Stützpunkt, dessen Bürger bereit waren, ihr Eigentum und gleichzeitig die Interessen des Bischofs mit Waffen zu verteidigen. Wo konkurrierende Nachbarn oder widerspenstige einheimische Adlige die Herrschaft gefährdeten, legten die Bischöfe kleine Städte an. Wenn so ein Städtchen auch nur ein sehr kleines Umfeld wirklich beherrschen konnte, die Tatsache der Befestigung schreckte den Gegner meist ab.

Von der Möglichkeit, Städte aus strategischen Gründen zu errichten, machten die münsterschen Bischöfe seit 1300 verstärkt Gebrauch. Bischof Otto III. von Rietberg erklärte 1304, er wolle sein Dorf zu Dülmen zu einem »stedikene«, einem Städtchen, erheben. Es blieb einem seiner Nachfolger, Bischof Ludwig von Hessen, vorbehalten, die Ankündigung wahrzumachen. Dülmen bekam 1311 Stadtrechte. Bischof Ludwig ist der wichtigste Städtegründer dieser Zeit, und außer Dülmen verdanken ihm die Städte Ramsdorf, Rheine, Billerbeck und nicht zuletzt Sendenhorst ihre Entstehung30. Wer war dieser Bischof, der sein Bistum fast ein halbes Jahrhundert regierte, woher kam er, wie regierte er?

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