Nr. 97 - Franz Happe - Zum Gedächtnis dessen 60. Geburtstages

Wohn- und Geschäftshaus der Familie Happe an der Oststraße gegenüber dem Rathaus und Kirchplatz

Das südöstliche Münsterland mit den beiden Kreisen des ehemaligen Oberstiftes Beckum und Lüdinghausen hat uns in den letzten Jahrzehnten mehrere echte Volksdichter geschenkt. Aus der Kreisstadt Beckum stammte Ferdinand Krüger, der Nachbarort Vorhelm bescherte uns Augustin Wibbelt. In der Kreisstadt Lüdinghausen erblickte Karl Wagenfeld das Licht der Welt, während das benachbarte Herbern als Heimatort von Hermann Wette bekannt geworden ist. Diese vier Dialektdichter haben der plattdeutschen Literatur eine Zukunft geschaffen und der niederdeutschen Sprache einen Ehrenplatz in Wort und Schrift gesichert. Mit Ehren werden sie heute genannt, gelesen und gehört.

Allzufrüh wurde leider bei den eigenen Landsleuten ein anderer Dichter, der dieser münsterländischen Dichterecke entstammte, vergessen, weil er in der Blüte seines Lebens, in der besten Mannes- und Schaffenskraft dahingerafft wurde. Er ist der schlichte und fromme Priester Franz Happe, der fast ein Jahr später als sein Freund Augustin Wibbelt, am 11. Juni 1863, in den freundlichen Städtchen Sendenhorst als Kind einfacher und streng gläubiger Handwerksleute geboren wurde. Wenn dem am 11. September 1897 Dahingeschiedenen zu seinem 60. Geburtstage in pietätvoller Erinnerung ein Gedenken gewidmet wird, so gilt diese hauptsächlich dem hochbegabten Dichter, dessen poetische Schöpfungen verdienen, der Vergangenheit entrissen zu werden. Leider sind nach seinem Tode die Dichtungen nicht jener Beachtung gewürdigt worden, die sie wohl verdient hätten, weil die beiden Auflagen seiner "Stimmungen und Gestalten" bald vergriffen waren, und eine Neuauflage bisher nicht erschien. Sollten bessere Zeiten kommen, wird sich vielleicht der Verleger F.W. Cordier in Heiligenstadt nochmals zu einer Neuauflage der Dichtungen entschließen. Die Schönheit ihrer Form, die Fülle ihres Gedankeninhaltes, der Reichtum ihrer wahren Lebensweisheit machen sie zu einem Bildungs- und Erbauungsmittel des Geistes und Herzens, daß der Nachwelt erhalten bleiben verdient.

Mit allen Fasern des Herzens hing Franz Happe von Jugend auf an seiner lieben Heimat und an den Lieben daheim. In der originellen Jugenderinnerung "Au der Kinderzeit" führt er uns in die traute Häuslichkeit. Als ihn einmal das Mütterlein zu Bette trug und gesegnet hatte "Stirn und Brust die liebe, segensreiche Hand", stahl er dem Vater beim Gutenachtsagen einen Apfel aus der Tasche, den er im Bette verzehrte.

"Wie hat er lachend mich geherzt,
Gestreichelt mit der schwil'gen Faust
Und kindlich froh mit mir gescherzt,
Wenn ich die Locken ihm zerzaust!

Auf's Ohr schob ich den Hut ihm kek
Und lüste ihn" Ade, Ade!
"Da Mutter, nimm den Knips! - Du Geck,
Flink flink ins Bett' - Mein Junge, geh!"

Seines lieben, treusorgenden Mütterleins, einer Frau von innigem poetischem Gemüt, von der er die Frohnatur und die Lust zu fabulieren geerbt, gedenkt er gern und oft in seinen Gedichten. Den Geschwistern war er in brüderlicher Liebe zugetan. Wie schmerzte es ihn, als seine Schwester Gertrud im Alter von 18 Jahren vom Tode geknickt wurde, und er in der Ferne "nicht zudrücken durfte die trauten Schwesteraugen". Die ihr gewidmete "Gertrudis" gehört zu den ansprechendsten Stücken der Sammlung. Für seine andere Schwester prägte er die schönen Worte, daß sie "der beste Familienleim" sei.

In diesem sonnigen Familienkreise wuchs der kleine Franz heran. Und seine Eltern wurden bald auf das Talent aufmerksam, daß in ihm schlummerte. Gern brachten sie Opfer und Entbehrungen, um ihm das Studium zu ermöglichen. Gleich seinem Bruder August besuchte er die von dem damaligen Rektor Wenige geleitete Rektoratsschule seines Heimatortes. Seine Ausbildung setzte er auf der Rektoratsschule in Beckum, dem Geburtsorte seines Vaters, fort. Die Obersekunda und Prima verbrachte er auf dem Gymnasium zu Warendorf. Das altehrwürde Laurentianum übte auf den lebensfrohen und fleißigen Gymnasiasten einen anregenden Einfluß aus. Deutsch und Latein waren seine Lieblingsfächer. An dem Direktor Dr. Gansß, dem Manne mit dem goldenen Herzen und dem goldenen Humor an dem begeisterten und feinsinnigen Professor Dr. Buschmann, dem Vater des münsterischen Dichters Aloys Euschmann, der am 9. d. Mts. seinen 50. Geburtstag beging, fand er die besten Kenner der alten und neuen Klassiker.

Sie legten in ihm ihrem Lieblingsschüler den Grundstein für sein späteres Wirken und schaffen.

[Text unleserlich]
Horaz war seine Lieblingslektüre. Mit Begeisterung trug er Horaz im Freundeskreise vor. mit besonderer Vorliebe übersetzt in Münsterländisch Platt.

Die romantische Umgebung von Warendorf, die schattigen Eichenwaldungen in der Nähe von Freckenhorst, die alte Stiftskirche, die angenehmen Düfte der Tannenwaldungen

die Ufer der träumerisch und sanft dahinfließend
sein Gemüt, und die Frucht der Spaziergänge

Neben der Dichtung hatte er Anette v.Droste Hülshoff, die eine große Liebe für für Muscheln, Steine und dergleichen hegte

fing er an, den Grund zu legen dastehenden Sammlung. einen guten …
rohe Scherze sein Gefühl tödlich verletzten. Sein kerniger Humor, seine echt dichterische Lebensauffassung machten ihn zu dem Liebling seiner Mitschüler. Gern erwiesen ihm diese einen Gefallen und brachten manche Seltenheiten und Altertümer von den heimatlichen Penaten aus den Ferien mit zur Bereicherung seiner Sammlung.

Mit kaum 18 Jahren hatte er das Reifezeugnis in der Tasche. Das Abiturium stellte ihn vor der Berufswahl. Anfangs neigte er mehr der Philologie zu und gehörte drei Semester als munterer Student dem kath. Studentenverein "Germania" an. Doch die Vorsehung hatte ihn zu etwas höherem berufen. Gern folgte er dem frommen Wunsche der Mutter und wandte sich der Theologie zu.

Während der Zeit des Studiums in Münster widmete er sich in jeder freien Stunde mit Liebe der Dichtkunst. Diese war ihm nicht in die Wiege gelegt, und er konnte sich die Verse nicht aus den Ärmeln schütteln, sondern stunden- und tagelang saß er, seine Pfeife rauchend, beim Schein der Lampe und rang oft schwer mit Stoff und Form. An den besten Vorbildern schulte er sich und brachte es zu der überraschenden Sprachgewandtheit, die wir in seinen Schöpfungen bewundern. "Er ordnete und wählte, feilte und meißelte, lernte Zucht und Form. Er wurde ein Dichter."

Aus dieser Zeit stammen die nach Form und Inhalt gleich schönen lyrischen Gedichte wie "Nur ein Gruß", Gruß an die Heimat", der Lenz ist da", "Marienzauber und Mädchenlust", Herbstgefühl", "O Mutter sing das holde Lied", "Maiandacht" und viele andere. In allen pulsiert Heimatluft und Gottesglaube, ei überhaupt Heimatliebe und Gottesglaube die Grundideen seiner sämtlichen Schöpfungen sind.

 

Am 24. Mai d. Js. waren 75 Jahre verflossen, als Annette von Droste-Hülshoff zu Meersburg,

"….so weit von unsern Heiden
Von unserm Wald, von unserm Moor,
Von ihrem Volk, wo sie bescheiden
Die letzte Schlummerstatt erkor."

Happe, dem durch Schlüter das Bild der grössten deutschen Dichterin in die Seele geschrieben wurde, setzte ihr zum Todestage am 24. Mai 1882 ein Denkmal der Treue:

Dies Denkmal trotzet Sturm und Wettern
Dann mag der Stein in Staub zerwehn
Mit seinen moosverhüllten Lettern
Der Name kann nicht untergehn,
Er lebt in ihres Volks Gedächtnis,
Des Ruhm und Preis die Hohe sang,
Dem ihres Genius Vermächtnis
Ein dauernd Ehrenmal errang."

Die reiche Kinderschar, die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse ermöglichten es den Eltern nicht, dem lieben Sohn in den vielen finanziellen Nöten beizustehen, zumal noch der ältere Bruder August gleichzeitig mit ihm an der damaligen Akademie studierte. Er war fast ganz auf die Selbsthilfe angewiesen. "Und ich habe", so schreibt er seiner Schwester, "mir durch Stunden geben und Schriftstellerei manche Mark verdient."

Die Studentenzeit in Münster sollte aber für die Zukunft seiner poetischen Laufbahn von einschneidender Bedeutung werden. Bald wurde er bekannt mit dem hochverdienten und angesehenen Gelehrten, dem blinden Professor Christoph Bernhard Schlüter, dessen Liebling er bis zu seinem Lebensende blieb. Der Freund Happes, Hermann Döring, schreibt über den Verkehr mit Schlüter:

"Sein Haus am alten Steinweg war ein Weimar miniature. Es war da kein Schloß und kein Herzog und kein Theater, aber der ehrwürdige, blinde Greis mit seinen langen silberweißen Haaren, mit seiner Freundlichkeit und Herzensgüte flösste jedem Verehrung und Liebe ein; er wurde nie müde, Poesie und Literatur nach allen Richtungen hin zu pflegen, jüngere Leute dafür anzuziehen, sie zu ermuntern, anzuregen und heranzubilden …..In dem kleinen stillen Haus wurde weit mehr Schönes und Herrliches gelesen, als einst die Bretter von Weimar bestieg, und neben all den interessanten Fragen, welche den Briefwechsel Goethes mit Schiller füllten, wurden hier auch noch viele andere und wichtigere ventiliert, über all die Bezüge, in welchen die schöne Literatur zu Christentum und Kirche steht."

Das war Schlüters Schule. Kein Wunder, der junge, für die Literatur begeisterte Student suchte alsbald mit dem frommen Greise in Berührung zu treten.

"O, laß zu ihm mich eilends geht,
Der Greis mag meine Jugend segnen
Und auf mein Haupt herniederflehn
Des Himmels lichten Gnadenstrahl."

"Diese Periode, in der ich stehe", schreibt Happe am 9. April 1883, "ist, wer weiß, die wichtigste meines Lebens! denn ich zweifle daran, ob ich je wieder mit einem so bedeutenden Manne in Berührung kommen werde, wenigstens in so enge." Mit Rücksicht auf Schlüter, dessen Vorleser er durch anderthalb Jahre sein durfte, und in dessen Hause am alten Steinweg, er Wohnung gefunden hatte, kürzte er seine Besuche in der Heimat ab und gab selbst einen Teil der Ferien preis, um nur bei ihm zu weilen, und um mit Schlüters Gästen, Prof. Junckmann, Ferdinande von Brackel, Hildegard von Laßberg, Antonie Jünst, Frau Brill u.a., bekannt zu werden und von ihrem Umgang zu profitieren.

"Alles liebe Erinnerungen". Fast alle seine Erlebnisse "konzentrieren sich um Schlüter". Freilich regte sich auch manchmal in ihm die currendi libido der Deutschen, der Hang in die Weite, zumal, wenn Freunde, die auf süddeutschen Universitäten studierten, ihm von fröhlichen Wanderfahrten meldeten; aber er dachte dann an die "guten und lieben Menschen", mit denen er verkehrte und "hing alle Reisegelüste an den Nagel". "Ein liebes, befreundetes Menschenantlitz ist doch werter als tausend Gebirge, und wäre aller Schnee darauf Silberstaub und jede Eisscholle ein zentnerschwerer Kristall. Soll ich denn dieses nicht meiner Lieblingsdichterin glauben, da ich doch sonst auf jedes Wort von ihr schwöre? - Was der Annette Münster zum einzigen machte. - "mein Professorchen allemal obenan" - sollte mich das nicht auch mit unzerreißbaren Ketten hier fesseln? - Noch kein halbes Jahr später schlug doch die Trennungsstunde für immer.

"Schlüter krank! "meldet er anfangs Februar. "Ich habe das seltene Glück, stundenlang an seinem Schmerzenslager zu sitzen. - Es ist unendlich wehmütig, wenn er dann die Hand einem so innig umschlungen hält. Das ist eine stumme, eindringliche Predigt."

Am 4. Februar 1884, nachmittags 3 Uhr, starb Professor Schlüter, nahezu 83 Jahre alt. "Meine Tagebücher", schreibt Happe bald darauf, "schildern die letzen Tage des Seligen ganz ausführlich. Ich habe ihn ausgekleidet und auch in den Sarg gelegt, eine liebliche Leiche. Sie schien von Himmelsluft umweht. Die Teilnahme war unbeschreiblich." Man lese die beiden ergreifende Gedichte seiner Sammlung "Am Krankenlager Christoph Schlüters" und "Abschied vom Grabe Christoph Schlüters" und man wird aus jeder Verszeile die Liebe und Dankbarkeit gegen den Meister herausfühlen, "dessen Schule fast alle norddeutschen katholischen Dichter genossen und dem sie vieles zu danken haben." Ja, wir dürfen es Happe schon glauben, wenn er sagt: "Ich möchte wahrlich zehn Jahre von meinem Leben missen für diese anderthalb fruchtbaren. Das soll mein Fundament sein."

Nach Schlüters Absterben blieb Happe noch einige Monate in dem historischen Hause bei Fräulein Dehne, der "edlen, treuen Genossin" des Professors, wohnen. Sie sichteten den literarischen Nachlaß, der in Happes Besitz übergegangen ist. Das war eine Freude für den passionierten Autographenjäger! "Wir (d. H. Fräulein oder vielmehr "Tante" Dehne, wie er sie so gerne nannte, und er) "arbeiten viel zusammen in den nachgelassenen Papieren. Das ist Wasser auf meine Mühle. Dank' Dir, die Briefe Professors an Annette von Droste Hülshoff - wahrlich Musterbriefe - und Erinnerungen, Gedichte, die sich auf A. beziehen, wollen wir herausgeben. Wie habe ich mich gefreut, wenn Professor mir mal einen kleinen Einblick darin verstattete, und nun krame ich völlig darin."

In dankbarer Verehrung widmete der Schüler seine beiden Auflagen der "Stimmungen und Gestalten" seinem geliebten Lehrer.

Da Happe das zur Aufnahme in das Priesterseminar vorgeschriebene Alter noch nicht hatte, erhielt er durch Vermittlung des Repetenten Dr. Hense, des späteren Pfarrers von Drensteinfurt, eine Hauslehrerstelle bei den Kindern der verwitweten Gräfin Metternich geb. Fürstenberg-Herdringen in Brüssel.

So gern er diesem ehrenvollen und verlockenden Rufe folgte, so blieb sein Herz doch in der Heimat. Die großstädtischen belgischen Verhältnisse sagten ihm nicht zu. Er benutzte aber die Gelegenheit, das dortige Volksleben eifrig zu studieren, und manches schöne Gedicht war die Frucht des Studiums des dortigen Volkstums.

Mit Freude und Wehmut wird das Herz erfüllt, wenn man heute seine Gedichte aus damaliger Zeit durchliest. "Völkerfrühling" und "Belle-Alliance" zeigten bereits eine Reife, eine Großartigkeit der Auffassung und einen Glanz der Darstellung.

Die Ferien verbrachte er mit der gräflichen Familie und den Lieben in der Heimat. Welch eine Freude war es für ihn, als er in den Herbstferien 1884 zu der glänzenden Festfeier seines geliebten ersten Lehrers Wenige, der am 18. September 1884 sein 25jähriges Priester- und Lehrerjubiläum beging, mehrere Festlieder schreiben durfte, die von seinem Freunde, dem musikliebenden damaligen Kaplan Schlathölter vertont wurden.

Während seines Aufenthaltes in Brüssel entschloß sich sein Bruder August, ebenfalls Priester zu werden. Da dieser infolge der Kulturkampfwirren die Vollendung des Studiums nicht abwarten wollte, ging er nach Amerika. Noch heute wirkt er dort sehr segenreich und nimmt innigen Anteil an den schweren Nöten seiner Landsleute. Oft versuchte er, seinen Bruder Franz über den großen Kanal zu ziehen. Die Theologen Pieper und Bohnenkamp folgten seinem Beispiele, aber bei Franz scheiterten alle Überredungskünste.

Zu Ostern 1885 kehrte Happe endgültig zur Heimat zurück und fand dort den neuen Pastor, den Pfarrer Beckmann vor, mit dem er zeitlebens in inniger Freundschaft verbunden blieb.

Inzwischen war seine Gedichtsammlung recht umfangreich geworden und er plante die Herausgabe eines Musenalmanaches. Aber an den Verlegernöten scheiterte das schöne Vorhaben. "Die kath. Verleger", so schreibt er seiner Schwester, "beziehen oft wahre Hungerlöhne, können oft auch nicht mehr." Vorläufig fanden seine Gedichte freundliche Aufnahme in den "Dichterstimmen" und im "Deutschen Hausschatz." Auch schrieb er viele Sachen in Prosa. Leider fand er an der Bearbeitung dieses Gebietes keine besondere Freude. Er hätte hier Grösseres leisten können. Zu dieser Zeit veröffentlichte er die Briefe des Fischkenners Karl Hartwig Freiherrn von Maubach, die er in dem Nachlasse von Schlüter vorgefunden hatte. Alle diese Arbeiten bewiesen sein vielseitiges Wissen, seine allgemeine Bildung und seinen Bienenfleiß.

Im Herbst 1886 trat Happe in das Priesterseminar in Münster ein. Während der Vorbereitung zu diesem Berufe fand er wenig Zeit, die Dichtkunst zu pflegen. Am 17. Dezember 1887 wurde er durch die Hand des Bekennerbischofs Johann Bernhard zum Priester geweiht. Überglücklich erscheint der junge Priester, wie aus den tiefempfundenen Gedichten aus dieser Zeit, ein "Subdiakon an einem Diakon" und "Ein Primizaltar" hervorgeht. In der Kirche der Franziskaner am Hörstertor feierte er die erste hl. Messe.

Drei Monate später erhielt er die erste Anstellung in Füchtorf im Dekanate Warendorf. Hier, bei dem guten Landvolke, fühlte er sich bald heimisch. Die romantische Umgebung, das Schloß Harkotten, das ihm von dem großen Bischof Wilhelm Emmanuel Freiherrn von Ketteler, bei dem, als er noch Kaplan in Beckum war, der Vater Happes mehrere Jahre Meßdiener war, erzählte, die Iburger Berge und die Erinnerung an die Studienzeit auf der Warendorfer Pennale übten ihren ganzen Zauber auf ihn aus und verlockten ihn zu manchen Streifzuge. Seine Wohnung in dem fast 250 Jahre alten Pfarrhause war recht bescheiden. Durch die "Niendüör" kam man über die Tenne zu seinem Wohnzimmer. Sein rastloser Eifer in der Seelsorge, sein munteres leutseliges Wesen gewann bald die Herzen der Füchtorfer. In Gesellschaft mit dem alten biederen Pastor Polter und der Lehrerin Fräulein Beike (jetzt in Warendorf) hatte er manche anregende Stunde der Unterhaltung. Doch die Nachwehen des Kulturkampfes rissen ihn bald aus dieser sonnigen Umgebung heraus und steckten den jungen Kaplan in den bunten Rock. Sein guter Humor überwand auch diesen Schmerz. Des Morgens früh zelebrierte er in der Regel in der Klemenskirche, eilte dann zur Kaserne der Dreizehner, um Griffe zu kloppen und Instruktionen zu hören. Die anhänglichen Füchtorfer aber ließen ihren lieben Kaplan nicht im Stiche. Sie verwandten sich zu den höchsten Stellen, bis er nach einem halben Jahre durch Kabinettsordre entlassen und zu ihnen zurückkehren durfte.

Unterdessen waren auch seine "Stimmungen und Gestalten" bei Schöningh in Paderborn in Druck erschienen, und mit einem Schlage war der einfache Dorfkaplan ein angesehener, gefeierter Dichter geworden. In mehr als vierzig angesehenen Tagesblättern und Zeitschriften wurden Happes Gedichte sehr günstig kritisiert. Dichter und Schriftsteller von Ruf, wie F.W. Weber, Leo Fischer, Leo v. Heemstede, Heinrich Keiter rechneten "die Gedichtsammlung zu den Besten, was in dieser Art in letzter Zeit im kath. Buchhandel erschienen ist."

So sehr ihn diese Erfolge auch ermutigten, Happe blieb doch stets bescheiden und fromm, der in der ihn liebgewordenen Seelsorge und in dem Gedächtnis seiner Lieben in der trauten Heimat eine höhere Befriedigung fand.

Dort in Sendenhorst bereitete sich ein Ereignis vor, das wohl als das denkwürdigste in der Geschichte dieses Ortes anzusehen ist, die Einweihung und Eröffnung des St. Josephs-Stiftes, des allbekannten und herrlichen Krankenhauses, das der damals in Rom lebende, aus Sendenhorst gebürtige Buchhändler Jos. Spithöver seiner Vaterstadt zum Geschenke machte. Neben Kaplan Schlathölter war Happe unermüdlich tätig, eine würdige Festfeier vorzubereiten. Der letztere erhielt den ehrenvollen Auftrag, den edlen Stifter durch einen Prolog zu erfreuen. Über die Festfeier selbst wurde damals ausführlich in der "Glocke" berichtet. Spithöver war durch das tiefsinnige Gedicht, das weißgekleidete Mädchen an der Pforte vortrugen, tief gerührt. Aus Dankbarkeit schenke er dem Verfasser ein Bild, das sich jetzt im Besitze des Schwagers von Happe befindet.

Auch der Dreizehnlindendichter F.W. Weber war auf den hoffnungsvollen Dichter aufmerksam geworden. Ganz unerwartet gratulierte ihm dieser im Jahre 1890 zu seinem Geburtstage durch einen freundschaftlichen Brief. Diesem Briefe folgte bald eine liebenswürdige Einladung nach Nieheim. Mit dem Altmeister Beziehungen anknüpfen zu dürfen, war für Happe eine besondere Auszeichnung und Ermutigung. "In der Tat ein Poet", mit diesen Worten hatte Weber sein Urteil in die Waagschale geworfen.

Die Dankbarkeit war ein schöner Zug in dem Charakterbilde des Happe. Dankbar war er gegen jede kleine Gefälligkeit, die ihm von guten Menschen zuteil wurde, dankbar bewies er sich besonders gegen seine früheren Lehrer. Freudige Begeisterung hatte der alte geistesverwandte Weber in der jungen Dichterseele wachgerufen. Den Dank gegen ihn bringt er so innig zum Ausdruck in dem Gedichte "Dreizehnlinden - Zauberwort", das er mit einigen Ergänzungen seinem einstigen Lehrer Professor Dr. August Buschmann zu seiner silbernen Hochzeit widmete und in dem "Warendorfer Wochenblatt" veröffentlichen ließ. Hier erzählt er in heiteren Versen, wie er vor zehn Jahren die Ohren gespitzt, wie seine Augen geblitzt haben, wenn der "Trochäenklang" von Dreizehnlinden aus dem Munde des Lehrers die kahlen Klassenmauern erschauern ließen, damals noch nicht ahnend, daß er des großen Meisters Freundschaft kosten durfte.

"Schüchtern trat ich vor ihn hin,
O, ein flücht'ger, kühler
Meistergruß ist ein Gewinn
Für den zagen Schüler!
Doch der Geistesriese bot
Mir die Rechte heiter,
Bis zu seinem sel'gen Tod
Blieb er mein Begleiter.
Ihm zu Füßen hab' ich lang
still und stumm gesessen,
Und bei seinem Schwanensang
Welt und Zeit vergessen,
Himmelhoch trug mich sein Flug,
Schöner Tag der Leite,
Als er mich zum Ritter schlug,
Edler Kunst mich weihte!"

Den Freudentagen in der Heimat bei Gelegenheit der Einweihungsfeier des Krankenhauses folgten ein halbes Jahr später Tage des tiefsten Schmerzes. Der Mutter Herz hatte aufgehört zu schlagen.

"Die Märzennacht war bitterkalt
Und bitterlich mein Herzeleid."

Mit diesen eisigen Gefühlen trat er die Heimkehr zum Elternhause an.

"Und zögernd vor der Tür ich stand,
Und zagend hat' ich aufgemacht,
Erstarrt die warme Mutterhand.
Das Mutteraug' deckt Todesnacht!
Ich war verstummt, ich stand versteint,
Ob auch mein Herz vor Jammer schrie,
Ich hab' am Sarge nicht geweint,
Doch betend brach ich in die Knie."

Die in der "Heimkehr" der lieben Mutter gewidmete Erinnerung ergreift in tiefster Seele und kennzeichnet die kindliche Liebe des Dichters zu der, die ihm "das Leben gab". Drei Jahre später, Allerseelen 1893, trug man auch den guten Vater, den er "liebte wie sein Leben", zu Grabe.

Bald waren auch seine Tage in Füchtorf gezählt. In Münster hoffte man den vielversprechenden jungen Kaplan für die Redaktion des Ludgerusblattes zu gewinnen. So sehr ihn auch die alten. lieben Erinnerungen anlockten, so fürchtete er doch "das Schreiben ohne Stimmung." Als statt seiner sein Freund und Landsmann Wibbelt das Anerbieten annahm, wurde er im September 1895 zum Vikar von Südkirchen ernannt. Die reizende Umgebung mit dem Schlosse Cappenberg und den prächtigen Waldungen der späteren herzögl. von Arenbergschen Besitzung, das eigene "Dichterheim", das er sich hier gründen konnte, machte ihm den Tausch recht angenehm. Wie reich und geschmackvoll er mit Altertümern aller Art sein "Musenheim" oder "Droste Museum", wie Happe seine Vikarie nannte, ausgestattet hatte, davon weiß die allbekannte Mutter Schulte zu Sendenhorst, die treue Nachbarin und Hausfreundin, zu erzählen. "Der antike Schrank", der nach seinem Tode von dem späteren Regierungspräsidenten Grafen Merveldt erworben wurde, und ein reichbeschlagener Koffer, ein Meisterwerk der Schmiedekunst, das Eisenwerk in Goldbronze, das Holz in blau gestrichen, bargen seine kostbaren Handschriften. Von den Wänden schauten u.a. eine Cacilia, die ihm sein langjähriger Freund, Maler Melchior Lechter in Berlin verehrt hatte, eine Ophelia in Aquarell von demselben, ein echter Führil und zwei Totenmasken Schlüters in Kreidezeichnung hiernieder.

Er arbeitete an einem schmalen alten Eichentisch. Aus dem Papierkorbe ragte ein Schwedendegen aus dem 30. jährigen Kriege.


Man saß auf alten, mit gelbem Leder überzogenen Sesseln, trank aus antiken Tassen und Gläsern und rauchte aus Friedr. Leopols Stolbergs Pfeife."

Hochangesehene Persönlichkeiten interessierten sich für Person und Sache und waren bei ihm zu Gast, darunter Schweizer Professoren. Regen Verkehr unterhielt er auch mit dem Professor Dr. Schwering, dem Biographen von F.W. Weber. Aber auch Bettler ließen ihm die Türe nicht kalt werden. "Kling-kling! Fünf Bettler in einer Viertelstunde" war nichts seltenes.

Die höchste Befriedigung fand er jedoch in der Erfüllung seiner Pflichten als Seelsorger. Ähnlich wie in Füchtorf lastete auch hier fast die ganze Seelsorge auf seinen Schultern. Die körperlichen und geistigen Anstrengungen entzogen ihm langsam aber sicher das Lebensmark. Schonung und Rast kannte er nicht. Von der Enthüllungsfeier des Annette-Denkmals im Herbst 1886 war er mit einer schweren Erkältung heimgekehrt. Im folgenden Winter und Frühjahr trat die Grippe außerordentlich stark auf, die vielen Versehgänge bei Wind und Wetter mit sich brachte. Da konnte er nicht mehr der lebensfrohe junge Mann bleiben. Wehmütig schreibt er den Lieben daheim: "Hätte ich nur meine körperliche und geistige Spannkraft wieder. Weiß der Kuckuck, was ich seit Wochen auf dem Leibe habe."

Seiner Gesundheit hatte er wohl zuviel zugetraut. Sein Schaffensdrang hatte erst seine Grenzen, als er aufs äußerste erschöpft zusammenbrach. Noch war es ihm unter Anspannung aller seiner Kräfte gelungen, die zweite Auflage seiner "Stimmungen und Gestalten" druckfertig zu stellen. Die dankbaren Augen die die schöne Festgabe als Überraschung unterm Weihnachtsbaum erblickten, sollte er nicht mehr sehen. Seine Schwester Katharina war aus Amerika herüber geeilt, um dem lieben Bruder durch sorgsame Pflege das Leben zu erhalten. Ihre Hilfe war vergebens, ebenso der Rat der Ärzte und guten Freunde, die ihn durch eine Kur in Borkum zu geben hofften.

"Das ist ein schwerer Tag," seufzte er, als der Tag des Abschiedes herannahte. Sein Freund, der Pfarrer Bötel aus Ahaus, gebürtig aus Südkirchen gab ihm das Geleite zu dem Nordseebade. Nach einer vorübergehenden Besserung trat bald eine Verschlimmerung ein. Die Freunde ahnten sein nahes Ende. Sie veranlassten seine Rückkehr, um ihm wenigstens ein Ruheplätzchen in seiner lieben Heimat, die er so oft besungen hatte, zu sichern. Sein Bruder Bernhard eilte ihm entgegen. Und die dankbare Bruderhand, die so manches Gute von ihm empfangen, führte ihn nach Südkirchen zurück.

Langsam nahmen seine Kräfte ab. Kurz vor seinem Lebensende hatte er noch die Genugtuung, die druckfertige, hübsch ausgestattete Neuauflage und das von P. Kreiten S.J. geschriebene lobende Urteil zu lesen. Eine Krankenschwester aus dem Nachbarorte, der er in Füchtorf den Weg zum Kloster geebnet hatte, stand ihm in den letzten schweren Stunden zur Seite und drückte ihm am Morgen des 11. September im Jahre 1897 die Augen zu. Was er einst gesungen, war nun Wirklichkeit:

"Der Abend naht, die Himmelsglocken,
Sie läuten tot dein Erdenweh,
Der Schmerz verweht wie Winterflocken,
Die Müh' zergeht wie morscher Schnee.
Bald stimmst du ein ins Heilig, Heilig
An Gottes Thron im sel'gen Chor, -
Beherzt hinauf, beharrlich, eilig,
Und Herz und Blick zu Gott empor!"Am Morgen des Begräbnistages traf von der Familie des F.W. Weber ein Kasten mit Epheu von des Dichters Grab in Südkirchen ein, der das Grab des teuren Toten umranken sollte. Welch ein herrliches Symbol der Erinnerung und Zusammengehörigkeit!Im Arm der Mutter Kirche, von ihren Segnungen gestärkt und von ihren Gnadenmitteln geheiligt, schied Happe aus dieser Welt, ein edler, reichbegabter Geist. Auf dem Wege der Meisterschaft hat den Jünger der Tod ereilt. Nun ruht er auf dem idyllischen Dorffriedhofe in Südkirchen, wo der Erlöser vom Kreuze auf sein Grab herniederschaut.Sein Geist aber möge wach bleiben und uns immerfort seine Worte zurufen:



"Im Wirken liegt des Mannes Würde, Im Leid erwirbt er Gottes Lohn; Er beugt sich unter seine Bürde Und trägt sie fort trotz Lob und Hohn. O, nicht durch Träume, nicht durch Worte, Durch Harren nur und regen Fleiß Erschließest du die Himmelspforte, Und mehr als Tränen wiegt der Schweiß."

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