Außer Spesen nix gewesen

Hoetmar - Zwei Hochhäuser an der Ahlener Straße künden von hochtrabenden Plänen der NRW-Landesregierung, die Anfang der 70er- Jahre über den Bau eines Großflughafens Westfalen nachdachte, der bei Sendenhorst hätte entstehen sollen.

Die beiden Hochhäuser auf der Ahlener Straße mit 16 Wohnungen wirken wie ein Fremdkörper im Hoetmarer Dorfbild. Sie bilden einen zusammenhängenden Komplex mit Flachdach, der nur zur Straßenseite hin rot verklinkert ist. Ihr einst weißer seitlicher Putz hat sich über die Jahre dunkel verfärbt. Hinter den beiden Hochhäusern steckt aber eine Geschichte, die Anfang der 70er-Jahre fast das ganze Münsterland verändert hätte.

„Damals sollte der Großflughafen Westfalen zwischen Sendenhorst, Albersloh und Drensteinfurt gebaut werden“, erinnert sich Ewald Drees, langjähriges CDU-Ratsmitglied: „Ein Ahlener Investor hat die Hochhäuser für Flughafenmitarbeiter gebaut.“ Ein Schnellschuss, wie sich zeigen sollte.

Am 13. März 1970, einem Freitag übrigens, kündigte die NRW-Landesregierung offiziell den Bau des dritten internationalen Airports in Nordrhein-Westfalen neben Köln-Bonn und Düsseldorf für die Sendenhorster Bauerschaft Alst an. Eine Woche später enthüllte ein neuer Generalverkehrsplan Details: Ein Flächenbedarf von 2 000 Hektar Land und Baukosten bis zum Endausbau und ohne Grunderwerbskosten von 1,1 Milliarden D-Mark. Ziel war es, sowohl das Münsterland, als auch das nördliche Ruhrgebiet infrastrukturell zu stärken.

Nach Sachverständigengutachten sollten der erste und zweite Bauabschnitt zusammengelegt werden und zunächst unter anderem zwei 4 000 Meter lange Start- und Landebahnen, Rollbahnen von sieben Kilometern, Abfertigungseinheiten für den Fluggast- und Frachtbereich, eine Werkstatt, ein Verwaltungs- und Hotelgebäude sowie ein Kontrollturm entstehen. Kostenpunkt 210 Millionen D-Mark. Der neue internationale Flughafen Westfalen sollte spätestens 1980 eröffnen und jährlich 30 Millionen Fluggäste haben – das entspricht 80 Starts oder Landungen pro Stunde Tag und Nacht – und zwei Millionen Tonnen Fracht pro Jahr umschlagen.

In weiteren Ausbaustufen sollten drei weitere 2 500 Meter lange Start- und Landebahnen, davon eine Querwindbahn für 890 Millionen D-Mark entstehen. Damit hätte sich die Fluggastkapazität auf 40 Millionen Fluggäste erhöht. Gemessen an den Passagierzahlen hätte der Kreis Warendorf heute mit München den zweitgrößten Flughafen Deutschlands, der Flughafen Düsseldorf vermeldete beispielsweise für 2011 „nur“ 20 Millionen Fluggäste. Vom Flughafen Frankfurt am Main fliegen jährlich knapp 56 Millionen Gäste in die weite Welt. und der neue Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg ist in der ersten Ausbaustufe für 27 Millionen Gäste ausgelegt.

„Viele Hoetmarer hatten natürlich Angst vor dem Fluglärm“, erinnert sich Ur-Hoetmarer Willi Tertilt. Zumindest für die Querwindbahn wäre das Golddorf zur direkten Einflugschneise geworden. Tertilt ging damals in Hamburg zur Schule, wo selbst sein Schulleiter von den Plänen aus Westfalen gehört hatte.

Im Dorf gab es aber nicht nur Flughafengegner, wie Georg Hübner weiß: „Viele haben auf einen Aufschwung und neue Arbeitsplätze gehofft. Ich hätte mit meinem Malerbetrieb sicherlich vom Bau profitiert.“ Die Stimmung war also geteilt.

„Der Flughafenbau war so gut wie beschlossen“, weiß der heutige CDU-Landtagsabgeordnete Henning Rehbaum noch. Das Großprojekt scheiterte aber am Veto der damaligen britischen Besatzungsmacht. Durch das Münsterland verliefen damals zahlreiche Tiefflugschneisen für die unter anderem in Gütersloh stationierte britische Royal Air Force und für NATO-Jets. Eine Umlegung des komplizierten Systems scheiterte, obwohl NRW-Ministerpräsident Heinz Kühn einen engen Dialog mit Bundeskanzler Willi Brandt suchte. Nach einem Zwischenbescheid Ende September 1972, begrub die NRW-Landesregierung am 17. Januar 1973 endgültig den Traum vom internationalen Airport Westfalen. Weitreichende Folgen sind bis heute zu spüren. „Zwischen 1968 und 1972 wurde nahezu sämtliche Straßenbauprojekte im Münsterland verschoben, da man auf eine überregionale Anbindung hoffte“, so Martin Schäpermeier, Vorsitzender der CDU-Ortsunion Warendorf. Schäpermeier ist überzeugt, dass unsere Region heute verkehrsstrukturell deutlich besser angeschlossen wäre, hätte es keinen Planungsstopp gegeben. Unter anderem wäre die B64n wahrscheinlich längst Realität. Ebenso wären Diskussionen über die Wiederbelebung der Westfälischen-Landeseisenbahn (WLE) heute überflüssig. Zum Flughafen sollte auf der WLE-Trasse eine Schnellverbindung ab Münster entstehen. Zudem gab es Überlegungen, Münster an das S-Bahn-Netz in Rhein-Ruhr anzuschließen.

Die Idee vom Flughafen Westfalen, der zwischen 1969 und 1973 als Lieblingsprojekt aller Parteien galt, entstand übrigens aus einer ähnlich abstrusen Geschichte: Er sollte als Trostpflaster für den geplatzten Bau eines europäischen Protonenbeschleunigers in der gleichen Gegend dienen. Der Teilchenbeschleuniger wurde erst 1989 in Genf, wo sich der Hauptsitz der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) befindet, gebaut.

Obwohl das Projekt vom Anschluss an die große weite Welt im Münsterland Anfang der 70er-Jahre scheiterte, sind viele heutige Bewohner hierüber nicht unglücklich. Sicherlich hätte sich die heimische Region gerade industriell gravierend anders entwickelt, andererseits müssten die Einheimischen heute aber unter dem enormen Fluglärm leiden.

|Quelle: www.sendenhorster-geschichten.de

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