In ihren Glocken tönt das Schicksal der Stadt

Als 1865 Sendenhorst zu Ehren des Stadt- und Kirchenpatrones die stattliche Martinikirche neu erbaute, übernahm man in dem Glockenstuhl das alte Geläut. Die Glocken waren freilich keineswegs Zeugen einer ehrwürdigen Vergangenheit, sondern waren damals gerade 30 Jahre alt geworden.

Januar 1943 wurden 3 der 4 Glocken des Sendenhorster Geläuts beschlagnahmt und traten den Weg in die Kanonengießerei an. Unser Bild zeigt die große Glocke vor dem Abtransport nuch Lünen.

Der in Sendenhorst noch unvergessene und durch seine schriftstellerische Tätigkeit bekannte Pfarrer und Landdechant Darup hatte im Jahre 1834 den Guß der Glocken veranlaßt. Das Glocken-Quartett" war dem Kirchen- und Stadtpatron St. Martin, dem ersten Bischof der Diözese. St. Ludger, der Patronin der Vikarie, der St. Katharina gewidmet, während die vierte als Messglocke namenlos blieb.
Im Namen sämtlicher vier Glocken verkündete die große Glocke die aduidn ihrer Entstehung. Die Inschrift lautet:
Latein: „Nos quartuor hic fundit Petrus Boitel Francia anno 1834 in honorum sancti Martini episcopi ac patroni ecclcsiae Sandanhorstensis.“
Deutsch: Uns vier hat hier am Orte gegossen Peter Boitel aus Frankreich im Jahre 1834 zu Ehren des heiligen Bischofs Martini und Patrons der Kirche von Sendenhorst.
Die zweite Glocke trägt die Inschrift:
Latein: „In honorem sancti Ludgeri primi episcopi eclesiae Monasterianae anno 1834
Deutsch: Zu Ehren des heiligen Ludgerus des ersten Bischofs zu Münster.
Die dritte Glocke:
Latein: „In honorem sanctae Catharina patronae huius vicariae anno 1834.“
Deutsch: Zu Ehren der heiligen Catharina, der Patronin der hiesigen Vikarie anno 1834.
Das Meßglöckchen schließlich kündet durch seine lakonische Inschrift gleichzeitig seinen Zweck an:
Latein: „Venite missa est!
Deutsch: Kommet, die Messe beginnt!
Die Töne aller Glocken waren auf D. E. Fis, G gestimmt.

1806 starb nach 48-jähriger Dienst7eit Landdechant Darup. Ihm folgte Pfarrer Lorenbeck, der es sich schon bald zur Aufgabe machte, der Kirchengemeinde ein neues Gotteshaus zu geben. Die bisherige alte Kreuzkirche war vom Verfall bedroht und entsprach nicht mehr den Bedürfnissen der Zeit.

Im Jahre 1854 konnte mit den Abbrucharbeiten begonnen werden. Die vier Glocken mußten wieder hinabsteigen und fanden eine provisorische Aufstellung bei der Notkirche, die in Meyers Hof (Weststraße) stand. Ein Glockenstuhl soll nach mündlichen Überlieferungen südöstlich auf dem Kirchplatz gewesen sein. 1868 siedelte das Geläut in den Glockenstuhl des neuen Westturmes über.

Im Jahre 1913 erhielt Pfarrer Beckmann aus Anlaß seines goldenen Priesterjubiläums von seinen Pfarrkindern ein elektrisches Glockengeläute. Bis dahin war es von Menschenhand betrieben worden.

1914 brach der große Krieg aus, der auch in das pfarrliche Leben eingriff. Nachdem bereits das Meßglöckchen vom hohen Gestühl niedergeholt war, mußte im September 1918 auch die kleinste Glocke (Catharinenglocke) den schweren Gang herab zur Erde antreten. Sie wog 900 Kilo. Das Geläut war jetzt nur noch ein Stückwerk.

Der Wunsch nach dem alten Geläute blieb in der Bevölkerung lebendig. Trotz wirtschaftlicher Not und Inflation wurde 1923 von der Kirchengemeinde eine neue Catharinenglocke bei der Glockengießerei Edelbrock und Petit in Auftrag gegeben mit der Auflage, zu den Zwei vorhandenen Glocken eine höhere Glocke auf den Ton Fis zu gießen. Am 23. August 1923 wurde sie fertiggestellt. Jede wog 900 Kilo.
Die Catharinenglocke wurde dem Pfarrer Tecklenborg zum silbernen Priesterjubiläum zum Geschenk gemacht. Die kirchliche Weihe fand im November 1923 auf dem Linden umkränzten Kirchplatz statt, an dem die Gutsbesitzer Wilhelm Geilern und Josef Halene Pate standen. Domkapitular und Domprediger Suermann hielt in der Kirche die Glockenpredigt. Einige Tage später nahm dann in luftiger Glockenstube die Catharinenglocke zwischen den großen Schwestern Platz.
Geschmückt mit dem Bilde der hl. Catharina trug sie zur Erinnerung für spätere Geschlechter die folgende Inschrift:
„Als Catharinenglocke zog ich hinaus ins Feld ach fünf Jahren kam ich von neuem zur Welt / Des Pfarrer Silbertag  Für mich die Zeit der Trennung brach / Ich hoffe auf immer“Bald schon, 16 Jahre später 1939 brach der zweite Weltkrieg aus. Anfang Oktober 1939 kam es zu einem Läuteverbot mit der Begründung, daß das Glockengeläute die Luftwaffe an ihren Horchgeräten störe. Das Verbot galt einen Monat lang.
An einem grauen Wintertag im Januar 1942 wurden die alten Glocken - die große, die mittlere und die kleine- vom Glockenstuhl geholt, um den Weg in die Kanonengießerei an zu treten. Erst nach Ausbrechen der Turmöffnungen schwebten sie langsam zur Erde nieder. Dem Lastwagen, der sie wenige Tage später nach Lünen brachte, galten die wehmutigen Blicke der Menschen. Jedem Einsichtigen war es damals klar, daß auch die Glocken keine Wendung des Kriegsgeschehens mehr herbeiführen konnten. Die sofort nach Kriegsende angestellten Nachforschungen über den Verbleib der Sendenhorster Glocken blieben ohne Erfolg.

Dem Einsatz von Pfarrer Westermann und Vikar Dresjan ist es zu danken, daß 1948 für die wahrscheinlich zerschlagenen Glocken drei neue bei der westfälischen Glockengießerei Edelbrock und Petit in Gescher für die Kirchengemeinde Sendenhorst bestellt werden konnten. Da eine Geldentwertung drohte, wurde von den bisher gesammelten Geldern Glockenmaterial gekauft. Die Sammlung reichte für den Guß der Glocken aber nicht aus. So war man nach der Währungsreform von neuem auf die finanzielle Hilfe der Bürger angewiesen. Auf Vorschlag des Kirchenvorstandes wurde im Januar 1949 ein Glockenverein gegründet, deren Mitglieder einen Mindestbeitrag von 1 DM monatlich zahlten. Die Gemeinde wünschte sich zu Weihnachten ein neues Glockengeläute.
Am 6. 8. 1949, um 15 Uhr erlebten zahlreiche Sendenhorster Bürger in der Glockenwerkstatt in Gescher den Guß. Als der Meister die Stimmgabel ansetzte, stellte er fest, daß bei zwei Glocken der Guß gelungen war. Bei der dritten aber stimmten Hauptton und Nebentöne im Vollklang und Wohllaute mit den anderen Glocken nicht überein. Die Pfarrgemeinde beschloss nun, zwei weitere Glocken anzuschaffen.
So konnten im Dezember 1949 wieder einige Sendenhorster die alte Kunst der Glockengießerei erleben. Kurz vor Weihnachten wurden die vier Glocken in festlicher Weise eingeholt. Sie bilden ein gemischtes Geläut und erklingen in den Tönen C, Es, Fis und G.

Die größte Glocke C, die zur Kriegergedächtnisglocke bestimmt wurde, hat ein Gewicht von 55 Ztr. und in Höhe und Breite ein Maß von 1 ,60 Meter. Die zweite Glocke wiegt 30 Ztr., die dritte 20 Ztr. und die vierte 12 Ztr.

Die erste Glocke trägt die Inschrift:
"Regina pacis, ora pro nobis" (Königin des Friedens, bitte für uns). Sie ist dem Gedächtnis der Gefallenen gewidmet.
Die zweite Glocke (Ludgerusglocke) ist beschriftet:
Latein:  „In honorem ancti Ludgeri primi episcopi diversis Monateriensis
Deutsch: Zu Ehren des hl. Ludgerus, des ersten Bischofs des Bistums Münster.)
Die dritte Glocke (Catharinenglocke) berichtet in deutscher Sprache von ihrem Geschick:
1834 entstand ich als Catharinenglocke
1918 zog ich ins Feld
1923 kam ich wieder zur Welt
1942 man mich zerschlug
1949 von neuem mich schuf
Die vierte Glocke ist dem Gedächtnis des verstorbenen Kardinals von Galen gewidmet, den zu beherbergen Sendenhorst in den letzten Kriegsmonaten die Ehre hatte. Sie trägt seinen Wahlspruch:
Latein: "ec laudibus nec timore"
Deutsch: Weder durch Lob noch durch Furcht.
Die Kardinalglocke ist ein sinnvolles lokales zeitgeschichtliches Denkmal geworden.

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