Das unsinnige letzte Gefecht von Rinkhöven

Sendenhorst in der Karwoche 1945 - Mitte März 1945. Amerikanische und englische Tiefflieger entwickeln eine verstärkte Tätigkeit. Als am Palmsonntag, dem 25. März 1945, eine Kriegstrauung in der St.-Josefs- Kapelle vollzogen wurde, waren ..

... um 11.30 Uhr nur noch das Brautpaar und der Priester
vor dem Traualtar. Heulendes und krachendes Unheil störte nicht allein die Trauzeremonie, auch Stadt, Häuser und Bewohner erbebten. Opfer der Tiefflieger wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Tag um Tag, Nacht für Nacht vernahm man das Brummen, Rauchen, Klappern der Motoren und das bellende Tacken der Bordwaffen. Überall suchten die Einwohner die Schutzräume auf. Am 29. März 1945 verschwand die Abteilung des Generalkommandos aus der Baracke auf dem ehemaligen Sportplatz (heute Turn- und Sporthalle). Akten des Kommandos wurden in der Heizung des gegenüberliegenden Krankenhauses verbrannt. Bischof Clemens August, der Sendenhorst als provisorischen Bischofssitz erwählt hatte, konsekrierte die heiligen Öle am Gründonnerstag in der St. Martins-Pfarrkirche. Dr. Lintel-Höping, Chefarzt im Krankenhaus, ließ die Stationen räumen und alle Kranken in den Kellerräumen unterbringen.

Die Kriegsleitung der Hitlerjugend im Gau Westfalen-Nord, die ein Domizil in einer weiteren Baracke auf dem Sportgelände hatte, machte sich am Karfreitag, 30. März 1945, aus dem Staub. Daß auch hier alle Akten in den Flammen vernichtet worden sind, versteht sich von selbst. Das Verhängnis wirft seine Schatten voraus mit dem immer deutlicher rollenden Donnern der Geschütze. Der Sendenborster Volkssturm muß antreten. Eine Panzersperre wird 50 m hinter dem Maschinenhaus des St. Josef-Stiftes errichtet. Proteste des Hauses mit der wehenden Rote-Kreuz-Fahne gegen die unsinnige Kampfmaßnahme waren erfolglos. Unaufhörlich kreisen Tiefflieger über Bahn und Straßen, wo Wagengespanne und Gruppen von flüchtenden Menschen unter Feuer genommen werden.

Nach einer unheimlichen Nacht bricht der Karsamstag, 31. März 1945 an. In der Pfarrkirche und in der Krankenhauskapelle findet die österliche Feuerweihe statt. Die Handlung wird vom Tacken der Bordwaffen unterbrochen. Vielerorts im Stadtbereich hängen weiße Tücher aus den Fenstern.  Sendenhorsts Verteidigern ist dies ein Dorn im Auge. Endlich um 10 Uhr war ein Durchbruch friedlicher Art geschafft. Der Volkssturm lehnte eine Verteidigung der Sperre am Westtor ab. Gleichzeitig erfährt man, daß der Feind vor Drensteinfurt steht. Nahezu menschenleer werden nun die Straßen. Angsterfüllt hat die Bevölkerung die Schutzräume aufgesucht und harrt der Dinge, die nun unweigerlich auf sie zurollen.

Die Kranken, die Schwestern und das Personal im St. Josef-Stift sind ruhig und gefaßt; Trotz der vermehrten schwierigen Arbeit in den "Katakomben". Mut ist Dr. Lintel-Höping in der herannahenden Stunde Null zuzuschreiben, der nach Behördenabsprache Möbel und Ausstattungsgegenstände kurzentschlossen aus den Räumen der Gebietsführung und des Generalkommandos zur weiteren Verwendung sicherstellt. Die Mittagsstunde bricht an und zeigt flüchtende Bewohner vom Niederrhein, dazwischen versprengte Soldaten, zurückjagende Offiziere - ohne Waffen. Um 13 Uhr setzt verstärkte Fliegertätigkeit ein.

Die Spähtrupps der Luft befeuern pausenlos die Verkehrswege. Größte Spannung lagert über Stadt und Land. Die Front naht. Am 13. 5 Uhr fallen in der Nähe, nordwestlich vom Friedhof, einige Schüsse. Eine Feldscheune geht in Flammen auf. Ein Tiefflieger sucht das Gelände ab. Am Handweiser Albersloh /Drensteinfurt rollen Panzer in breiter Front an. Sie reihen sich zur Kolonne, 500 m vom Krankenhaus entfernt.

Bilder: Der Gauleiter Westfalen-Nord, Dr. Alfred Meyer, erfolgt die Gefechtsausbildung junger Volkssturmsoldaten, die in der Bauerschaft Rinkhöven in ein verlustreiches Gefecht verwickelt wurden Eine hölzerne Gedenktafel in der Rinkhöven-Kapelle erinnert an die gefallenen jungen Rekruten.

Im Krankenhaus ahnen die wenigsten etwas von der Front, die sich anschickt, Sendenhorst zu überrollen. Um die selbe Stunde kniet betend Bischof Clemens August in der Stiftskapelle. Die Turmuhr kündet eine denkwürdige Stunde. Es ist 14 Uhr. Der erste amerikanische Panzerwagen, langsam fahrend, stark bestückt. Schußbereit, taucht hinter dem Maschinenhaus am Westtor auf. Das Krankenhaus und alle benachbarten Gebäude stehen in der Front. Rasch werden alle Fenster der Nordseite von Neugierigen besetzt. Ein Erbeben des Bodens unter den Panzerketten der rollenden Festungen läßt die Kranken im Keller die Vorgänge draußen ahnen. Aus den Fenstern der umliegenden Häuser gehen die weißen Fahnen hoch. Ununterbrochen rollen nun die Kampfwagen durch die Stadt.

Die Front rollt kampflos über sie hinweg. Als bekannt wurde, daß 400 m westlich vom Krankenhaus deutsche Verwundete liegen, fährt Dr. Lintel-Höping in einem Wagen mit Rotem Kreuz und weißer Fahne hinaus. um sie zu bergen. Die Amerikaner verweigern die Auslieferung, denn es seien Kriegsgefangene. Im Spätnachmittag steht Bischof Clemens August auf der kleinen Stifteingangstreppe und blickt nach Norden in die Bauerschaft Rinkhöven, wo vier Bauernhöfe brennen. "Eine Wende, kein Ende" ist sein Ausspruch. Doch wie kam es zu dem Inferno?

Alles begann in der Jugendburg Gemen. Etwa 1.000 junge Leute zwischen 15 und 18 Jahren waren im November 1944 dorthin einberufen worden. Ausgebildet wurden sie u. a. an der Vierlingsflak, schließlich unter militärisches Kommando gestellt und letztendlich in Anwesenheit von Gauleiter Dr. Alfred Meyer vereidigt. Stramm standen sie da, die Schüler, Lehrlinge im Fackelschein und bei Trommelwirbel, in Soldatenuniform gekleidet und härten markige Worte und verpflichtende Formeln. Im Februar 1945 wurde die Jugendherberge Haltern ihr Quartier. Schießübungen fanden in der Westruper Heide statt.
Am 29. März 1945 kam der Befehl, Tarnanzüge anzuziehen, auf Polizeilaster feldmarschmäßig ausgerüstet aufzusitzen.

Bis Albachten ging zunächst die Fahrt. Nun erhielten sie Order, auf Münster zu marschieren und die Stadt zu verteidigen. 80 junge Soldaten waren dazu ausersehen. Ein Oberleutnant und ehemaliger HJ-Bannführer befehligten die Kompanie. In Albachten beschaffte man sich Pferde und Wagen sowie ein Fahrrad. Mit einem Befehlsausweis mit der Unterschrift des Reichsführers SS Heinrich Himmler war dies kein Problem. 60 bis 70 Panzerfäuste sowie 4 Maschinengewehre und etliche Pistolen wurden verladen. Die feindliche Front kam schneller näher als gedacht. Man änderte angesichts der Lage kurzerhand die Marschroute und zog südöstlich in Richtung Sendenhorst In Albachten trieb man Butterbrote und Schnaps auf, und weiter gings nach Osten. Während des nächtlichen Marsches setzte sich der Oberleutnant mit dem Fahrrad klammheimlich ab. Einer  der Unteroffiziere, fronterfahren, befehligte sie nun.

Karsamstag. 6 Uhr, hatten die Volkssturm-Soldaten die Sendenhorster Bauerschaft Rinkhöven erreicht. Alle Bauern boten den jungen Menschen eine herzliche Aufnahme. benötigten, je und waren voller Hoffnung auf ein friedvolles Ende des schrecklichen Krieges.

Weit gefehlt, denn die Maschinengewehrsalve auf ein Aufklärungsflugzeug von einem an der Straße/ Angelfluß postierten schießwütigen Soldaten abgegeben. löste das Fiasko aus. In Sendenhorst teilte sich die Panzerkolonne am Osttor in Richtung Bauerschaft Rinkhöven-Hoetmar-Warendorf einerseits und andererseits Tönnishäuschen-Vorhelm-Beckum. Langsam rollten die Kettenfahrzeuge auf die Bauerschaft zu. Die Kompanie hatte sich zwischenzeitlich vor drei Bauernhöfen, an der Straße und am verlaufenden Angelfluß unter der Parole "Höchste Gefechtsstufe“ eingenistet. Das zehnminütige Feuergefecht tötete eine Anzahl junger Menschen und vernichtete die Rinkhöven-Bauernhöfe Ringhoff, Middrup-Vornholz, Greiwe-Fels, Kalthoff und den Nachbarhof Drees in Hoetmar bis auf die Grundmauern. Ein Stab mit weißer Fahne. hervorgehoben aus einer Angelfluß-Deckung, hat die 30 Sherman-Panzer nicht aufhalten können.

Nach einer halben Stunde war aus dem Schlachtfeld mit weiter brennenden Gebäuden ein Gefangenenlager geworden. Die Annahme der Amerikaner, daß in den Tarnanzügen Soldaten stecken würden, bestätigte sich nicht. Die Gefangenen mußten auf die Panzer aufsitzen, wurden anschließend mit Lastern nach Gütersloh, dann nach Lüdinghausen und schließlich ins Massenlager Rheinberg transportiert. Der junge Soldat von einst hat nahezu 40 Jahre später in der Rinkhöven-Kapelle gestanden und tief bewegt vor der hölzernen Gedenktafel seiner 8 toten Kameraden gedacht.

50 Jahre sind nun vergangen. Ich habe den Recklinghäuser vor Jahresfrist kennengelernt und die zeitgeschichtliche Wahrheit über das Geschehen von Gemen bis Rinkhöven erfahren. Ebenso unveröffentlicht sind die tatsächlichen Ereignisse während der Karwoche im Stadtbereich. Nach fünf Jahrzehnten konnte das heimische Geschichtsmosaik wieder mit einem weiteren Steinehen angereichert werden.

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