WLE beendete Postkutschenromantik Verkehrsentwicklung am Beispiel Sendenhorst

In früheren Zeiten war das Reisen mehr als beschwerlich und sehr zeitraubend. Zu Lebzeiten Goethes (1749-1832) reiste man entweder hoch zu Roß oder mit der Post- bzw. Reisekutsche, wobei zum Beispiel für die Entfernung von Augsburg bis Venedig (340 km) sieben Tage oder von Lübeck bis Brügge (590 km) zwölf Tage gerechnet wurden

Während ab 1742 durch die Thurn- und Taxische Post eine Reitpost von Münster über Sendenhorst, Ahlen. Werl, Arnsberg, Siegen bi nach Frankfurt ging, kam die Postkutsche erst spät nach Sendenhorst Erst ab 1829 konnte man von Sendenhorst aus mit der Po t verreisen, vorher war es nur von Münster oder Drensteinfurt möglich. Die neue Personenpost ging morgens um 10 Uhr von Beckum ab, fuhr dann über Ahlen und erreichte am frühen 1~achmittag Sendenhorst und war nach fünf weiteren Stunden in Münster.

Als 1847 die Köln-Mindener Eisenbahnstrecke eröffnet wurde, blieb die Personenpost zunächst noch bestehen, kam aber nach Übergabe der Bahnstrecke Münster-Hamm am 27. Mai 1848 zum Erliegen. Ab 1. Juni 1848 brachte eine Wagenpost Personen, Briefe und Pakete von Sendenhorst zum nächstgelegenen Bahnhof der Staatsbahn. nach Drensteinfurt.

Als am l. Oktober 1903 die Bahnstrecke Neubeckum-Münster durch die Westfälische Landes-Eisenbahn (WLE) in Betrieb genommen wurde, war die Postkutschenromantik zu Ende. Die neue Eisenbahnstrecke wurde so stark von Fahrgästen in Anspruch genommen daß sich die Züge bedeutend verspäteten; allein am ersten Tag des fahrplanmäßigen Verkehrs wurden von Sendenhorst aus 4 77 Personen und 12 Hunde befördert.

1937 wurden 34.902 Fahrkarten verkauft und in Tonnen 1.231 Stückgut und 20.527 Wagenladungen befördert; 194 7 96.585 Fahrkarten, 790 Tonnen Stückgut und 34.08 l Tonnen Wagenladungen; 1957 49.496 Fahrkarten, 727 Tonnen Stückgut und 9.012 Tonnen Wagenladungen; 1967 30.942 Fahrkarten, 341 Tonnen Stückgut und 17.450 Tonnen Wagenladungen. 1956 verkehrten werktäglich durch den Bahnhof Sendenhorst 17 Triebwagenzüge, davon zwei Eiltriebwagen von Warstein nach Münster und zwei Triebwagen von Sendenhorst direkt nach Münster und zurück, fünf Dampfzüge für den Personenverkehr und vier Güterzüge.

Der Personenverkehr mit Triebwagen ist am 31. Mai 1975 eingestellt worden; der letzte Personenzug verkehrte arn 27. September 1975. Seitdem verkehren auf der Strecke nur noch Güterzüge. Der Bahnhof wurde zwischenzeitlich verkauft.

Im Zusammenhang mit der Verkehrsentwicklung ist das Fahrrad (das Hochrad kam um 1880) mit zu erwähnen. Es ist nicht bekannt, wer in Sendenhorst um die Jahrhundertwende das erste Fahrrad besaß. Dafür ist aber aus dem Jahre 1902 die Provinzial-Fahrverordnung für den Radfahrverkehr auf öffentlichen Wegen und Plätzen bekannt. "Bei lebhaften Verkehr"', so war in der Verordnung vorgechrieben. "an Straßenkreuzungen muß der Radfahrer langsam fa hren oder absteigen." Jedes Fahrrad mußte mit einer lauttönenden Glocke versehen sein. Au drücklieh war vermerkt. daß die Glocke nur an Kreuzungen oder beim Begegnen und Überholen von Personen und Fuhrwerken ertönen durfte. Lästiges Läuten war verboten. Nach dem Kriege 1945 erlebte der Radsport in Sendenhorst durch einen neugegründeten Radsportverein ,.Diana" eine kurze Blütezeit. Das Fahrrad ist nach wie vor für viele Verkehrsteilnehmer ein wichtiges Fortbewegungsmittel.

Trotz der Eisenbahnverbindung durch die WLE blieb der Frachtverkehr mittels Pferde fuhrwerken (Th. bzw. R. Geilern und Th. Beumer) nach 1903 bestehen. der zweimal wöchentlich zwischen Sendenhorst und Münster - auch noch in den ersten Jahren nach 1945 - durchgeführt wurde. Überhaupt war das Ackerbürgertum und damit auch der Fuhrbetrieb mittels Pferden - in den 30er Jahren auch noch mit Kühen - in Sendenhorst stark vertreten . Allein bis Mitte unseres Jahrhunderts waren innerhalb des Promenadenringes 20 Landwirte bzw. Ackerer mit Pferden und Fuhrwerk ansässig. Hinzuzuzählen sind die früheren Brennereien. die durchweg schwere Zugpfe rde für ihre Landwirtschaft und sogenannte .. Rassemänner" (Warmblüter) für ihre leichteren Melkwagen besaßen. In der Stadt gab e fo lgende Kornbrennereien: Arens-Sommersell. Bonse. Everke. Graute. Jönsthövel. Laink- Vissing, Panning. Roetering. Joh. Silling und Jos. Silling.

Zumeist hatten auch die einheimischen Bäckereien Pferd und Gefährt zum Brotausfahren. Das gleiche galt für Bierverleger (Silling, Brückmann und Löckmann) sowie für Händler der Verschiedenen Branchen. Selbstverständlich be aßen auch die Kohlen- Kohlenund Kunstdüngerh ändler (Lütke-Verspohl, Werring, Kersting, Recker und Dünnewald) entsprechendes Pferdefu hrwerk. Zudem hatte Sendenhorst zwei Straßenwaagen - Hrch. Löckmann (Osttor) und A. Johannknecht (Ostgraben) - aufzuweisen. Auch der letzte Landgendarm (Peter Herken) ritt hoch zu Roß durch Sendenhorst Ebenso besaß eine der damaligen Lehrpersonen (Theodor Knieper) Pferd und Dogcart und war oft damit auf Spazierfahrt.

Selbst auf dem letzten Weg (genau bis Februar 1967) wurden die Sendenborster mit Pferd und Wagen gefahren. Es war der mit Blumenkränzen behangene, von zwei mit schwarzem Tuch bedeckten Pferden gezogene Leichenwagen; vorn auf dem Bock in schwarzem Umhang und mit Zylinder der Kutscher (zumeist Roben Lütke-Verspohl sen.).

Der damalige Straßenlärm war eindeutig durch den landwirtschaftlichen Fuhrbetrieb geprägt: Rasselten doch schon in der Frühe die Melkwagen der Brennereien über das Straßenpflaster, dann folgte das Kannengeklappere des Milchfuhrmanns, dann die schweren Fuhrwerke und Bockkarren der Brennereien, landwirtschaftlichen Betriebe und Kohlenhändler. Sonntags kam zur Abwechslung das Pferdegeklap per und das Rollen der Kutschen der Bauern hinzu, die zum Kirchgang in die Stadt fuhren und an bestimmten Gas tstätten und Häusern ausspannten und dort in den Stallungen ihre Pferde unterstellten.

Die weitere Verkehrsentwicklung brachte das Kraftfahrzeug. Einer der ersten, der in Sendenhorst ein Auto besaß, war Dr. Josef Roerkohl. der von 1910 bis 1915 hier in Sendenhorst praktizierte, am 20. Juli 1915 in der Raphaelsklinik in Münster verstarb und in Albersloh seine letzte Ruhestätte fand . Als nach dem Ersten Weltkrieg die Zahl der Autos verstärkt zunahm, kam es zur Einrichtung der ersten Tankstellen. In der Stadt boten Fr. Happe, Wilh. Meyer und Th. Jaspert (Oststr.) und B. Herweg. B. Werring und Th. Schulze-Elmenhorst (Weststr. ) Treibstoffe dieser Art an. Später kam die Tankstelle Hrch. Grothues (Osttor) hinzu. Auch das Hauderergewerbe entwickelte sich. Vor dem Kriege 1939/45 boten vier Taxiunternehmen ihre Dienste an (H. Decker, W. Schubert. W. Möllers und W. Hövelmann).

Den ersten Lkw in Sendenhorst besaß. soweit bekannt, Josef Feidieker, den zweiten August Holtkamp. Ein Busunternehmen hat ich bis heute noch nicht in dem Ortsteil Sendenhorst - im Gegensatz zum Ortsteil Albersloh - etabliert. Wer einst stolzer Besitzer des ersten Motorrads in Sendenhorst war, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Nachdem Kriege entstand am Westtor die Tankstelle Schüttelhöfer. an der Lorenbeckstraße die Tankstelle Holtkamp und am Osttor die Tankstelle Tigger. Die Tankstellen Grothues, Osttor; Feidieker, Ostgraben und Stru ll , Ladestraße. bestehen nicht mehr. dafür sind neue, zum Teil betriebliche Tankstellen hinzugekommen. Wie hat sich der Fahrzeugbestand bis heute entwickelt? Stichtag ist hierbei der I. Dezember 1993. Die Stadt Sende nhorst hatte an diesem Tag 12.049 Einwohner. Ebenso waren an dem Stichtag in Sendenhorst insgesamt 8.130 Fahrzeuge registriet; davon 6.937 behördlich zugelassen. Diese Zahl gliedert sich im wesentlichen wie folgt auf: 5.273 Pkw. 182 Krafträder, 75 Kraftomnibusse, 306 Lkw und 528 Anhänger.

Nach oben

Ahnenforschung
Blätterwald
Fakten
Fest-Schriften
1965 650J.
1989 100J. St. Josef-Stift
1994 125J. Caeciliae
1989 Bildstöcke
1976 Albersloh
Heimatkalender
Geschichte(n)
Grundwissen
H. Petzmeyer
Kornbrenner
Quellen
Impressum
Datenschutz