Morgen ist Schnadegang – Auf ins „Wilde Eck“! - Vorbericht

Der Heimatverein Sendenhorst e.V. lädt ein zum Schnadegang mit 3 Städten – Jeder ist willkommen! Sendenhorst — Drensteinfurt — Ahlen: Am 8. Juli lädt der Heimatverein ins „Wilden Eck” ein,...

Gesetzt! Drin ist der Stein!

um gemeinsam mit unseren Nachbarn aus Ahlen und Drensteinfurt, aber auch gerne aus weiteren Städten, das 3-Ländereck zwischen den 3 Kommunen zu erkunden und zu überprüfen, ob der Grenzverlauf noch stimmt, immerhin ist der letzte Schnadegang an dieser Stelle schon 41 Jahre her! Diesbezüglich sollte jedoch kaum mit Überraschungen zu rechnen sein.

Jeder ist willkommen, bei hoffentlich schönem Wetter daran teilzunehmen. So verlegen die Pfadfinderinnen und Pfadfinder der PSG / DPSG ihre Gruppenstunde ins „Wilde Eck“. Die Pfadfinder treffen sich mit Rad und Helm um 13:30 auf dem Pfadfindergelände, um zum Treffpunkt an Hertes Kreuz zu radeln. Auch Abordnungen der örtlichen Schützenvereine sind mit an Bord, Schnadegänge sind für jung und alt und überhaupt für alle Bürger!

Hier der Zeitplan:
14:00 Uhr Treffen am Wegweiser Hof Herte (Hertes Kreuz)
14.30 Uhr Wanderung zum Grenzstein (Weg ca. 3 km)
15.30 Uhr Enthüllung des Steines - Ansprache / „Poahläsung“ der Gemeindevertreter
16.00 Uhr Wanderung zurück zum Hof Herte, ca. 800 m
Ein Fahrdienst von Hertes Kreuz – zum Stein – zurück zu Hof Herte wird eingerichtet.
Anschließend auf dem Hof: Grußworte - Fest auf dem Hof
Offizielles Ende ca. gegen 18.30 Uhr, danach gemütliches Beisammensein.

Sprung zur BilderserieDie Bilder sind sämtlich aus der Vorbereitungswoche, hier gibt's noch mehr davon...
wir hatten sehr viel Spaß!

Schnadegänge sind ein altes westfälisches Brauchtum, um die Grenzen des Gebietes einer Kommune auf eventuelle „heimliche“ Verschiebungen zu kontrollieren. Seit dem Mittelalter gibt es Schnadegänge, für Sendenhorst sind Schnadjagden für 1736 und 1765 belegt (wie Schnadegänge, jedoch als Jagd). Zur damaligen Zeit gab es im ganzen westfälischen Raum kaum eine Stadt, ein Dorf oder eine Gemeinde, die nicht eifersüchtig auf die Wahrung ihrer Grenzrechte bedacht gewesen wäre. Die „Schnad“ wurde den Bewohnern beiderseits der Grenzen bekannt gemacht. Sie hatten sich daran zu halten. Als Grenzzeichen gelten Bäume und Steine.

So wird auch 2017 ein Grenzstein genau am 3-Landereck gesetzt. Etwas „untypisch“ ist die Jahreszeit: So wurden in alter Zeit die Schnadegänge und Schnad-Jagden im Herbst abgehalten, um die Grenzsteine und –zeichen besser finden zu können. In Zeiten von GPS sollte das obsolet sein und somit wird die Tradition etwas angepasst. So wurde 1976 beim letztmaligen Schnadegang hier im Wilden Eck die gesamte Grenze vom 3-Ländereck Ahlen-Drensteinfurt-Sendenhorst, den Ahrenhorster Bach entlang, bis zur Gaststätte Peters, erwandert. Hier findet sich das nächste 3-Ländereck am Hof Böcker (bereits auf Albersloher Gebiet), Drensteinfurt und Sendenhorst.

Wie beim Finanzamt, so wird auch hier in 2017 nur stichprobenhaft geprüft: Die zu erwartenden Gäste und der Heimatverein werden sich nur im Bereich der Höfe Herte (Im Holt 14, Treffpunkt am Wegweiser um 14:00) und Renvert (Drensteinfurt) und vielleicht noch daneben. Ein Fahrdienst vom Wegweiser zum Stein und zurück wird eingerichtet.

Weil die Grenz- oder „Schnadezüge" in alten Zeiten zum Teil grobe Exzesse verursachten, gerade wenn die Grenzen illegal verschoben worden waren, wurden sie 1841 offiziell in Preußen verboten. (Seit dem Jahr 1815 gehörte das Münsterland endgültig zu Preußen). Die Preußen betonten beim Verbot ihre endgültigen Grenzziehungen hervor, jedoch war es wohl auch der Hang zu ausschweifenden Volksfesten, der sie veranlasste, die Schnadegänge endgültig zu verbieten.

Anfangs fand eine amtliche Grenzbegehung statt, die dann alle ein oder zwei Jahre wiederholt wurde und mit der Zeit zu einem Volksfest mit teilweise bis zu mehreren 10.000 Besuchern wurde, so in vielen Orten des Münsterlandes und im Sauerland. In Neuenrade (Märkischer Kreis) ist ein Schnadegang von 1450 schriftlich überliefert, in Sendenhorst ist die Schnadjagd von 1756 überliefert, deren Weg sich noch heute genau nachverfolgen lässt. Sendenhorst und das Fürstbistum Münster wurden nach dem Ende Napoleons 1815 endgültig preußisch. 1817 verfügten die Preußen, dass die Schnadegänge nicht mehr nötig seien und somit gerieten die Schnadegänge in Vergessenheit.

Vielerorts wurde und wird der Schnadegang zum Anlass genommen, Neubürger der Stadt zu „poaläsen“. Dabei wird der zu „Poaläsende“ von einigen Schnadgängern („Schnadloipers“) angehoben und über einen Grenzstein gehalten. Dann wird sein Hinterteil („Ääs“) auf den Stein („Poal“) mehrmals aufgetitscht. Damit soll dem Neubürger der Standort des Grenzsteins nachhaltig bewusst gemacht werden.
 So auch im letzten Jahr beim Schnadegang Drensteinfurt und Albersloh, als der BM von Drensteinfurt Grawunder und der stellv. BM von Sendenhorst, M. Mühlenhöver. Zum 8. Juli freuen wir uns über die Zusage von 2 Bürgermeistern. In Ahlen ist „leider“ Stadtfest, so dass von der Stadt Ahlen „nur“ eine Abordnung erwartet wird, aber wer weiß, ob unsere Nachbarn auch für Überraschungen gut ist. So hat bereits der ehemalige Bürgermeister Dr. Faust sein Interesse bekundet.


Gepoaläste Gemeindemitglieder werden „Poalbürger“ (Alteingesessene) genannt. Der Gepoaläste revanchiert sich für die Aufnahme in die Gemeinde mit einer Getränkespende am nächstgelegenen Rastplatz des Schnadegangs.In neuerer Zeit hat sich der Begriff Poahlbürger für „lang vor Ort ansässige Bürger“ durchgesetzt. Nach der Definition sind aber gerade die Poahlbürger ja Zugezogene.  

Die Sendenhorster Schnadjagd von 1750
(Aus Heinrich Petzmeyer)
Es schreibt der Stadtnotar Dufhues:

Anno 1765, am Dienstag, den 12. November vormittags 8 Uhr, erschienen vor mir, Notar, und Zeugen persönlich auf dem Rathaus in Sendenhorst die Bürgermeister der Stadt Sendenhorst, die ehrbaren Herren BERND DIETRICH BONSE und JOHANN DIETRICH FYE und gaben an: 

Seit undenklichen Jahren ist die Bürgerschaft in Sendenhorst berechtigt, mit klingendem Horn und losgekoppelten Jagdhunden rings um Sendenhorst zu jagen. Um den Besitz ihrer Jagdgerechtigkeit zu wahren und die Schnadjagd von 1736 zu erneuern, hätten sie die gesamte Bürgerschaft durch die Pförtner zur Jagd einladen lassen.  

Es folgt eine Liste Namen, die zum Teil auch noch heute in Sendenhorst zu finden sind.

Insgesamt waren 34 Bürger bzw. Bürgersöhne auf dem Rathaus zugegen. 

Mit klingendem Horn wurde der Anfang gemacht.

Der Jäger nahm also mit allen 'beteiligten Bürgern seinen Weg vom Rathaus

über den Markt, durch die Südstraße, dann durch die Südpforte, längs dem Bohlweg über das Gefrecht im Himmelreich, über den Grünen Weg, entlang der Stadtsheggen [Stadtlandwehr] bis an den  Kirchspielshagen - den ganzen Weg mit gekoppelten Hunden. Hier wurden die Hunde losgelassen. Sofort spürten sie in Meys Busch einen Hasen auf und setzten ihm nach. ERNST BROICKMANN erschoß ihn. Auf dem Wiescher Spitalkamp, am Pferdekamp wurde das gehörige Recht mit klingendem Horn kundgetan. Danach jagten die Hunde im Hemmer Holz einen Hasen auf, verfolgten ihn und trieben ihn in den Wiescher großen Nachtkamp. Beim Lüttken Nachtkamp wurde er von dem jungen Gesellen CASPAR STAMKORTE geschossen und totgeblasen. Von dort begab sich die ganze Gesellschaft mit ihren Gewehren an die Becke des zum hochadligen Haus Hove gehörigen Kuhkamps. JOAN HINRICH AHAGE und JOAN BERNDT SCHMIDTKAMP schossen in den Schlagbaum über der Brücken die Zeichen …
Am 2. / 3. / 4. Tag der Jagd geht es weiter, der Weg lässt sich heute noch genau nachvollziehen. Den gesamten Text an dieser Stelle abzudrucken, würden jedoch den Rahmen sprengen. Im Stadtarchiv (und auf der Homepage des Heimatvereins) ist der Text komplett hinterlegt:
… Zum Schluß der gesamten Schnad wurde die Jagd von ERNST BOICKMANN totgeblasen. Die Jäger erhielten ihren Lohn und ein Trinkgeld. Darauf nahmen sie das Valete und kehrten nach Haus zum Neuen Graben zurück. Wir aber eilten nach Sendenhorst zurück. Mehrfach wiederholte die Bürgerschaft das Vivat mit einem Glas Bier und mit dem klingenden Horn wurde der Schluß gemacht.

Da der Weg schriftlich fixiert ist, könnte man diesen auch mal in Karte einzeichnen.

20. Jahrhundert
In neuerer Zeit kam und kommt es zur Wiederbelebung der Schnadegänge, die heute mehr ein gesellschaftliches Event zwischen Nachbargemeinden und meistens der Heimatvereine, aber auch Schützenvereine sind. Hier eine Liste aus den 1970ern aus dem Archiv:
1976    Ahlen-Drensteinfurt-Sendenhorst
1977    Münster-Everswinkel-Wolbeck-Sendenhorst
1978    Hoetmar-Freckenhorst-Warendorf-Sendenhorst
1979    Enniger-Vorhelm-Ahlen-Sendenhorst
In den 1980ern wurden in Sendenhorst noch weitere Schnadegänge durchgeführt. Leider sind dazu kaum Fakten noch bekannt. Der ein oder Leser, der sich angesprochen fühlt und vielleicht dabei war, wird gebeten, sich zu melden. Es wäre sehr wünschenswert, die Bäume, die zu den Anlässen gepflanzt wurden „Wieder“ zu entdecken! Das digitale Archiv des Heimatvereins freut sich! Der letzte Schnadegang fand lt. Akten 2007 zwischen Sendenhorst und Albersloh statt.

Zum Glück gibt es heute keine Exzesse mehr, und die schöne alte westfälische Tradition dient dazu, mit Menschen aus den Nachbarorten zusammen zu kommen, sich auszutauschen und unsere schöne Landschaft kennen zu lernen, genauso, wie zusammen zu feiern. Jeder Freund Sendenhorsts ist am Samstag, den 8. Juli herzlich willkommen!

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