Pfarrer Lorenbeck in Sendenhorst

Im Archiv ließ sich folgender Text aus dem Jahre 1930 finden (Der Text stammt von Rentmeister Bernhard Kleinhans, dem Gründer des Heimatvereins aus dem Jahre 1910): Es war im Münsterlande von jeher ein schöner Brauch, dem Oberhirten der Diözese oder seinem Stellvertreter einen feierlichen Empfang zu bereiten...

Altes Sendenhorst - Die Lorenbeckstraße - Es gibt sie noch gar nicht! An der Mauer war Schluss...

Die Firmungs- und Visitationsreise des hochseligen Bischofs Caspar Max Freiherr zu Droste Vischering begann im Jahre 1839 in Sendenhorst und sah dann folgende Reiseroute vor: Vorhelm, Enniger, und weiter in östlicher Richtung. Am Tage vor Fronleichnam, am Mittwoch, dem 29. Mai, abends um 6 1/2 Uhr, traf der Hochwürdigste Herr in Sendenhorst ein. Bis Tönnishäuschen waren ihm 36 Reiter entgegengeritten. Am Stadttore bereiteten ihm die Geistlichkeit und die Schulen einen festlichen Empfang und geleiteten ihn in feierlicher Prozession zum Pastorat. Dort machte der Bürgermeister mit dem Gemeinderat seine Aufwartung Bis 9 Uhr erscholl feierliches Glockengeläute vom Turme, und in den Pausen wurden Böllerschüsse abgegeben. Soweit verlief die Feier sehr würdig. Wie es häufig vorkommt, können aber nach einer Feier manche nicht sofort den Weg nach Hause finden. Sie kehren unterwegs in einer Wirtschaft ein, um die Feier »würdig« zu beschließen. So kam es auch hier.

Blick von der Lorenbeckstraße in den 1960ern Richtung Innenstadt: ALLE Häuser sind noch vorhanden!
Rechts: Büste Pfarrer Lorenbeck (Bernhard Kleinhans)

Die Gemeinde hatte sich einige Jahre vorher, im Jahre 1834, ihre geborstenen Glocken durch den Franzosen Boitel umgießen lassen. Das Geläute war besonders gut ausgefallen. So lag es nahe, daß bei Anwesenheit des Bischofs das Läuten länger ausgedehnt werden sollte. Der Pfarrer Lorenbeck war aus triftigen Gründen nicht dafür. Auf seine Anordnung wurde um 9 Uhr Schluß gemacht und die Kirche abgeschlossen. Diese Maßnahme des jungen Pfarrers wurde arg bekämpft. Man trank sich eine Wut an, die in einen regelrechten Aufruhr gegen den Pfarrer ausartete.

Pfarrer Lorenbeck hatte im Anfange seiner Amtsperiode einen schweren Kampf gegen eine gewisse Klique zu kämpfen, um Ordnung und Disziplin zu halten. Einige Monate vorher war er gegen die Auswüchse bei der Karfreitagsprozession, über die kürzlich in dieser Zeitung berichtet wurde, vorgegangen. Das hatten ihm seine Gegner nicht vergessen. Jetzt war eine Gelegenheit gekommen, sich an ihm zu rächen. Von der Wirtsstube aus wurden mehrere Burschen zum Küster Philipps geschickt, die Schlüssel von der Kirche und vom Turme zu holen, damit weiter bis in die Nacht hinein geläutet werden könne. Der Küster verweigerte auf Anordnung seines Pfarrers die Herausgabe. Inzwischen war es dunkel in den Straßen geworden. Da war nun der Zeitpunkt gekommen, dem Pfarrer in Anwesenheit des Bischofs einen gemeinen Streich zu spielen. Es wurden die Radebraken herangeholt. Während die Anstifter den besseren Teil der Tapferkeit erwählten und sich im Hinterhalt hielten, wurden junge Burschen aufgewiegelt, mit den Instrumenten Lärm zu schlagen. Mit unheimlichem Geklapper zogen diese um die Kirche, das Pastorat und durch die Straßen der Stadt, und in der Wirtsstube hatten die Urheber eine teuflische Freude über den Ärger des Pfarrers. Der Polizeidiener Degenhardt wurde herbeigerufen, die Burschen zu fassen. Diese warfen aber schnell die Klapperdinger von sich und flohen. Als wieder Ruhe war, wurde in aller Stille ein neuer Plan gegen den Pfarrer ausgebrütet.

St. Martin - Innenraum - Noch mit Kanzel, Triumphkreuz, keine Heiligenfiguren....

Die Stadt schlief in tiefem Schlummer. Nur der Nachtigall Gesang klang in die stille Maienzeit hinein, und der Frösche Gequake drang aus dem Morast der Stadtgräfte. Unschuldige Kinderseelen träumten von der Fronleichnamsprozession des folgenden Tages. Sie hatten sich vorgenommen, ganz andächtig zu sein. Würde doch der Bischof selbst dabei sein und sie mit dem Allerheiligsten segnen. Der Nachtwächter hatte soeben an den Stadttoren und Straßenkreuzungen sein viermaliges »Füht, Füht, Füht« geflötet und schickte sich zu einer Pause an. Da sah er am südlichen Himmel einen hellen Feuerschein. Er stieß in sein Horn, und es dauerte nicht lange, da rasselte die Brandspritze durch die Straßen der Stadt. Die Fenster und Türen öffneten sich. Zuerst ein großer Schrecken, dann ein Rufen und Fragen. Als aber die Halbangezogenen erfuhren, daß Gefahr für eigenes Hab und Gut nicht vor war, eilten nur Berufene und Neugierige zum Tor hinaus. Sie wussten nicht, wo es brannte. Stand doch kein Wohnhaus in der Gegend des Feuerscheines. Die eifrigen Feuerwehrleute füllten unterwegs beim Hellenbache ihre Bottiche und weiter ging es durch die Brockstraße. Was mochte brennen? fragten sie sich unterwegs. Das Ziel war erreicht.

Aber man konnte mit den Feuerlöschgeräten nicht hinkommen. Graben und Hecken hinderten die Weiterfahrt. Rund um das Feuer lief ein halbes Dutzend Kühe im Kreise mit hochgehobenen Schwänzen. Nun war das Rätsel gelöst. Die mit Stroh gedeckte Kuhhütte des Pfarrers stand in Flammen. »Wenn anners nich brennt«, sagte der eine, »dat is bloß Leigheit giegen den Pastor«, der andere. Voll Erbitterung über die Enttäuschung gegen die rachedurstigen Brandstifter zogen die Feuerwehrleute wieder ab. Die Sache hatte noch gerichtliches Nachspiel, aber die Schuldigen wurden nicht gefasst. Der Pfarrer wurde durch die Freveltaten arg mitgenommen. Es bäumte sich sein Gerechtigkeitssinn auf und klopfenden Herzens schreib er dem Bürgermeister Brüning: »Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich den Wunsch ausspreche, daß die Untersuchung mit Tätigkeit betrieben werde; denn schon trösten sich die Aufrührer mit dem Gedanken, die Sache werde einschlafen. Wer kann Vorgesetzter sein, wenn Empörung nicht gestraft werden soll?« Der Landrat tadelte nachher, daß die Polizei nicht auf dem Posten gewesen sei. Eine weitere schandlose Tat musste der Pfarrer bald darauf erleben. In seinem religiösen Eifer hatte er das 40-stündige Gebet auf Fastnacht eingeführt, um dadurch die an diesen Tagen herrschenden Unsitten zu beseitigen. Das passte manchen nicht. An diesen Tagen wollte man die Zügel schießen lassen und sich austoben. Man organisierte wieder einen Aufruhr. Des Abends, während der Schlußandacht, zogen die Fastnachtsgecken mit Musik singend und johlend in die Kirche, setzten Tische und Stühle um den Kirchplatz, zechten und trieben allerhand Unfug.
Als der Pfarrer sich hierüber beklagte, zogen die Unholde mit Mistgabeln und Sensen bewaffnetvor das Pfarrhaus und demonstrierten. Pfarrer Lorenbeck ließ aber nicht locker, wenn er auch oft selbst die Polizei am Orte spielen musste. Er ging trotz aller Anfeindungen den geraden Weg der Pflicht. Durch Festhalten an seinen Grundsätzen brachte er die Gutgesinnten auf seine Seite, und die anderen wurden von der Bürgerschaft geächtet. Nach und nach fand er durch seinen Eifer und sein selbstloses Wesen volles Verständnis. Sonst wäre es ihm nicht möglich gewesen, mit Hilfe der Gemeinde eine so herrliche Kirche zu bauen, wie sie heute der Stolz der Stadt ist.

Ein Augenzeuge erzählte dem Schreiber dieser Zeilen Folgendes: "Als wir die Fundamente zum Denkmal setzen wollten, kam uns der Gedanke, noch einmal den lieben Pfarrherrn zu sehen. Wir öffneten den Deckel des Sarges und sahen, daß die Leiche noch ganz unverwest war. Das Gerücht über die Öffnung des Grabes hatte sich bald in der Stadt verbreitet, und viele eilten zum Grabe, um den Verstorbenen zu schauen und ihm ein stilles Gedenken zu widmen."

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