Gaststätte Vossding-Knobbe (Sendenhorster Kneipenkultur)

So ging es mitunter zu im »Südpol« – Holpriger Start 1870 - Im digitalen Stadt-Heimatarchiv ließ sich einmal mehr ein interessanter Text zur »Sendenhorster Kneipenkultur« finden. So ging es mitunter zu im »Südpol«:

1970er: Gäste in der Gaststätte Knobbe-Vossding

»Ich glaub, mich tritt ein Pferd«, mag mancher Gast am Donnerstagabend in der Gaststätte Vossding-Knobbe gedacht haben, als er seinen Augen nicht traute. An der Theke »lehnte« in der Tat ein leibhaftiges Pferd. Und das kam so: Im Fenster vom Friseur Höne steht ein toller Schlitten, fachmännisch bearbeitet von Bernhard H. »So einen Schlitten müsste man haben, ein Pferd dazu, und dann würden wir durch die Stadt fahren«, meinte Jürgen K., alter Stammgast in der Gaststätte »Zum Südpol«. Du kriegst doch nie im Leben ein Pferd um diese Zeit«, provozierte Richard M. seinen Thekenbruder. Aber dieser, für ausgefallene Sachen immer zu haben, nahm die Herausforderung an. »Wetten, dass ich in der nächsten halben Stunde ein Pferd hier stehen habe....«

Bild: Südpol im Jahr 1920, davor ds Auto des Dr. Geiping (Erstes Auto in Sendenhorst)

Und Wirt Alfons Knobbe hielt‘s nicht für möglich und glaubte an einen Witz, als ihn beim Schnapsausschenken auf der Kegelbahn die Kunde erreichte: »Da steht ein Pferd an der Theke und wartet auf Bedienung!« Und das Pferd war nicht zu übersehen! Nach eifrigem Telefonieren hatte es Jürgen K. geschafft: Er und ein richtiger Gaul von Rudolf »Witten« Wessel waren vom Südgraben bis zum »Südpol« getrabt und hatten dafür gesorgt, dass Richard M. 50 Liter Bier zu bezahlen hatte. Noch bevor diese 50 Liter Bier allerdings - trotz zugkräftiger Hilfe von zwei Tennisdamen - geschluckt waren, hatte sich das Pferd vornehm und rückwärts aus der Gaststätte wieder zurückgezogen. Echter Hafer war ihm lieber als flüssige Gerste. Zur geplanten Schlittenpartie ist es allerdings nicht mehr gekommen, denn 50 Liter Bier machen nicht nur Pferde scheu.

Dies ist nur eine von vielen Geschichten, die es zur Gaststätte Knobbe-Vossing zu berichten gibt. Gerne sind ortskundige Leser aufgefordert, ihre Sendenhorster (Kneipen)- Geschichten zum Besten zu geben. Wir, der Heimatverein, unterstützen Sie dann mit den entsprechenden Bildern. Bitte per E-Mail an Heimatverein-Sendenhorst@web.de. Knobbes Gastwirtschaft war bei den Sendenhorstern sehr beliebt, und so wurde es sehr bedauert, als Alfons Knobbe und Ilse sich 1996 in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedeten. Und noch heute kommt manche schöne Erinnerung hoch, wenn man am »Südpol« vorbeikommt.
Alfons Knobbe, der gebürtige Emsländer, kam übrigens 1963 nach Sendenhorst. Seit 1967 stand er selbst als Wirt hinterm Tresen.

Bild: Gäste im Biergarten (1950er?)

Die Geschichte des Hauses als Gastwirtschaft reicht ins 19. Jahrhundert zurück und war mit erheblichen Start-Schwierigkeiten behaftet. Hierzu fand sich ebenfalls ein Text im Stadtarchiv: 1865 stellte der Bäcker Spöttel bereits seinen 3. Antrag auf die Konzession einer Schankwirtschaft »am Südthore Nr. 160«. Seinen bisherigen Begründungen fügte er neue hinzu, die übrigens seit den Kriegen 1863/64 (Preußen und Österreich gegen Dä- nemark) und 1866 (Preußen gegen Österreich) häufiger in den Gesuchen künftiger Wirtsleute auftaucht. »Im Jahre 1829, als ich vom Militär entlassen wurde, gab der Prinz August, königliche Hoheit, den Abgehenden das Versprechen öffentlich und feierlich, daß jeder von uns ein beliebiges Gewerbe treiben könne, wozu er sich qualifiziert fühle.« Die Erlaubnis des Staates war also hier unbedingt gegeben. Dass für seine Schankwirtschaft ein tatsächliches Bedürfnis bestehe, begründet Spöttel einleuchtend mit der günstigen Lage seines Hauses: Er habe sehr viel Zuspruch von Eingesessenen und Kirchspielsleuten und auch von Auswärtigen, die Obdach für ihre Pferde nachsuchten. Am Südeingang der Stadt wohnend, war Spöttel für die Erhebung des »Pflastergeldes«, eine Art Straßenbenutzungsgebühr, zuständig. Wörtlich heißt es in dem Gesuch: »Man wünscht vielseitig, etwas zur Erquickung zu trinken, denn mit leerem Munde wollen die Leute uns auch nicht belästigen. Dazu ist auf der ganzen Südstraße nur der Kaufmann Brenner und Ökonom Böcker (Triebus: Gastwirtschaft Schumann) der eine Schenke hat, sich aber wegen seiner vielen Geschäfte wenig oder vielmehr gar nicht darum kümmert. Deshalb können die Landsleute ihren Aufenthalt da nicht haben.«

Nach einjährigem Zögern entschloss sich der Landrat, auch diesen Antrag des Bäckers Spöttel abzulehnen. Spöttel legte unbeirrt 1867 seinen vierten Antrag vor. Dieses Mal würdigte der Landrat ausführlich die Persönlichkeit und »Tadellose Führung des Petenten (gemeint ist wohl seine Militärzeit), die genügende Bürgschaft eines ordnungsgemäßen Gewerbebetriebes geben«. Allein das Bedürfnis einer neuen Schenke kann nicht anerkannt werden. Es folgt das fünfte Gesuch 1868, in dem die Südstraße zum wirtschaftlichen Notstandsgebiet erklärt wird: »Erlauben wir nochmals die Bitte, die Erteilung der Concession hochgenehmigst geben zu wollen, in dem die Bauersleute so sehr unzufrieden sind, dass sie nicht mal ein Gläschen Bier auf der ganzen Südstraße bekommen könnten, wenn sie hier am Thor ihr Pflastergeld zahlen.« Spöttel war nicht der einzige, dessen Gesuch abgelehnt wurde. Genauso erging es dem Drechsler Klümper (später Kaupmann, Bürgerhaus) und dem Krämer und Müller Horstmann (später Gastwirtschaft Werring). Gesuch Nr. 6 (1870). Nach dem Ankauf des Wohnhauses des Bäckers Franz Dietz auf der Nordstraße (Nr. 15, ehemaliger Westfälischer Hof, China-Restaurant Wan) bittet er um Übertragung der bisher bestehenden Konzession zum Betrieb einer Gast- und Schankwirtschaft. Spöttel erklärt sich mit der Namensunterschrift bereit, »dasjenige reisende Publikum, welches in der hiesigen Herberge nicht zu logieren beabsichtigt, bei mir aufzunehmen und für die Unterbringung ihrer Pferde Sorge zu tragen«.

Bild: Südstraße 1950er

Am 3. März 1870, 16 Jahre nach dem ersten Antrag, erhielt Bäcker Hermann Spöttel endlich seine Gaststättenkonzession. Für das Haus am Südtor erhielt Spöttel im Juni 1870 die Genehmigung einer Kaffee-, Bier- und Weinwirtschaft, jedoch mit Ausschluss des Schnapsausschanks. Grund für die plötzliche Konzessionserteilung war die liberalisierte Gewerbegesetzgebung des Norddeutschen Bundes (1866 gegründeter Vorgänger des Deutschen Reiches – Gründung 1871) Das Original hängt übrigens noch heute 2017 rechts über dem Tresen... Der Innenraum ist ebenfalls quasi noch »voll in Schuss«, es sieht fast genauso wie »früher« aus. Die traditionsreiche Gaststätte hat noch viel mehr an Geschichte zu bieten und nicht nur diese Sendenhorster Gastwirtschaft! Zeitzeugen sind aufgefordert, sich zu melden! Gerne werden auch Berichte zu weiteren Kneipen veröffentlicht! Was gab es in der typischen Kneipe? Was gab es zu erzählen, was man sich so heute gar nicht mehr oder zumindest schwer vorstellen kann... Wir haben (vielleicht) die Bilder dazu...

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