Steinschlag vom Rathausbalkon: Nur noch mit Helm zur Verwaltung

Stadtindianer Heiner Holtkamp fast getroffen – Gefahren wurden beseitigt – Balkon im September 1984 wegen Baufälligkeit gestützt.

Heiner Holtkamp - Der Stadtindianer - ein echtes Sendenhorster Original, das fehlt!

Als Stadtindianer ist Heiner Holtkamp ortsbekannt. Sein Markenzeichen: ein buntes Stirnband. Dieses Haarprachtbändigende Utensil will der Aufschwung-Unternehmer aus Sendenhorst von nun an verdecken, so ihn sein Weg in die Stadtverwaltung führt. Im unverwechselbaren Firmenkäfer liegt immer griffbereit ein knallgelber Bauarbeiterhelm. Diesen trägt Holtkamp jedoch nicht zur Tarnung, wenn er unrechtmäßig ruhendem Verkehr der Behörde auf der Spur ist, sondern aus eigenem Schutzbedürfnis heraus. „Alles Gute kommt von oben!“ weiß „HeiHo“. Nur bisweilen bezweifelt der „Schwimmer gegen den Strom“, als den er sich gerne tituliert, das alles, was insbesondere aus oberen Regionen der Stadtverwaltung kommt, das Prädikat „gut“ verdient.

Mit dem unverhofften Auftauchen seiner markanten Persönlichkeit in den Amtsstuben oder den auf den ersten Blick als aus Heiners Feder stammenden Schriftstücken besorgt der Stadtindianer Beamten der Verwaltung oft mehr Arbeit, als denen gerade lieb ist. Daß das Rathaus trotz allem mit bekannt wirksamenleichten Schlägen auf den Hinterkopf sein Denkvermögen steigern möchte, findet der Stadtindianer schon sehr rührend. Daß dies nun unbedingt durch die weitere Auflösung des ohnehin schon dezimierten Balkons der historischen Rathausfassade geschieht, hält Heiner Holtkamp dennoch für übertrieben.

Fast hätte der Jungunternehmer nämlich das dreijährige Jubiläum seiner Firma Aufschwung 603 nicht mehr erlebt. Als er den – ihm manche Beschäftigung verschaffenden Stadtverwaltern die Einladung zu diesem Jubiläum in den Briefkasten stecken wollte, löste sich der Balkon über dem Eingang nicht nur weiter auf, sondern auch ein Gesteinshagel kam hernieder. Holtkamp sammelte die Brocken ein und stellte auf häuslicher Briefwaage ein Gewicht von 200 Gramm fest. Nicht auszudenken, wenn…

Ordnungsamtsleiter Hermann Brandt handelte am nächsten Morgen unverzüglich, als Holtkamp ihm bei persönlicher Überreichung der Einladung – nach dem nächtlichen Steingruß hatte er sich an den Briefkasten nicht mehr rangetraut – gleich einen Brocken als Briefbeschwerer und die Androhung einer Schließung des Behördeneingangs durch eine übergeordnete Behörde mitbrachte. „Selbstverständlich sind wir nach diesem Hinweis sofort Tätig geworden, so der Ordnungsamtsleiter zur Glocke. Man habe die Feuerwehr mit ihrer Drehleiter zum Rathaus beordert und weiteres loses Material abgeklopft. „Damit ist die Gefahr beseitigt“, stellte Brandt fest.

„Dieses Dilemma wäre ja gar nicht so schlimm, wenn die zuständigen Lämmer der Verwaltung nicht mehrere Jahre mehrere Winterschlafe hinter sich bringen müßten, um dieses Dilemma zu beseitigen“, schreibt Holtkamp nun an die Verwaltung. Er erinnert daran, daß er bereits am 3. September 1985 das Balkonproblem auf einem höhenflieger-geschmückten Briefpapier gegenüber der Verwaltung angeprangert habe. Holtkamp wartet sehnlichst darauf, daß der im September 1984 wegen Baufälligkeit gestutzte Vorbau des Rathauses endlich im alten Glanz mit neuer Festigkeit erstrahlt. Sämtliche Sportler oder andere Persönlichkeiten müssen sich zurückhalten. Sie dürfen nicht gewinnen oder andere begrüßenswerte Dinge vollbringen. Die Begrüßung am Heimatort kann wegen des defekten Balkons nicht stattfinden.“

Bescheid: Keine Zuschüsse für Rathausfassade

Zu den BilderDer Stadtindianer vermutet, daß der Balkon ganz einfach vergessen worden sei. Dem ist aber nicht so. Auch wenn das Falschparken von Behördenfahrzeugen alsbald wegen Verjährung nicht mehr geahndet wird, um sich um „aktuelle Dinge“ – so heißt es wörtlich in einem Schreiben der Stadt an Holtkamp – zu kümmern, der Rathausbalkon zählt nach wie vor nicht zu den verjährten und schon gar nicht vergessenen, sondern hochaktuellen Dingen. Bei der Etatberatung wurden die Mittel für die Renovierung der Rathausfassade in Höhe von 380000 Mark eingestellt. Doch alle Bürger müssen sich trotzdem noch länger vor balkonwürdigen Höchstleistungen hüten. Es wird wieder mal nichts mit der Renovierung! Wie die Pressestelle des Regierungspräsidenten Münster gestern auf Anfrage der Glocke mitteilte, wird die Stadt Sendenhorst 1986 die beantragten Denkmalzuschüsse für die Rathausfassade nicht erhalten. Pressesprecher hagemann: „Der Förderungstopf ist leer.“Ein ablehnender Bescheid ist der Stadt schon zugestellt.

Die Anregung Holtkamps zu einer Sammelaktion aufzurufen, ist also gar nicht so abwegig. Die Finanzen sind nach Auskunft von Bauamtsleiter Heinrich Braunsmann nämlich der Knackpunkt. Die Verwaltung würde gerne… - doch müßtenohne Zuschüsse die Kosten für Fassadenrenovierung und Balkon ganz allein von der Stadt getragen werden. Mindestens 190000 Mark vom Land – 50 Prozent der Baukosten erwartet als Zuschußminimum – würdenin den Schornstein geschrieben, bei der knappen Finanzlage der Stadt kein Pappenstiel. Vielleicht kommen ja im nächsten Jahr dann die Zuschüsse, wer weiß? Insgesamt sieht auch der Bauamtsleiter in der derzeitigen Lage eine unbefriedigende Situation. Der Balkon werde zwar immer wieder überprüft, doch die Sprengkraft des Frostes bei Wetterwechsel könne man nicht gänzlich in den Griff bekommen. Braunsmann sieht in der bröckelnden Fassade keine Werbung für eine Vorbildfunktion der Stadt in Sachen Denkmalschutz. „Wir fördern private Maßnahmen mit Zuschüssen und haben für unseren eigenen Bau kein Geld.“

So gesehen wird Stadtindianer Heiner Holtkamp noch länger seinen gelben Bauarbeiterhelm beim Rathausbesuch tragen – auch wenn das Ordnungsamt solcherlei Kopfschutzmaßnahmen als völlig überflüssig betrachtet. Aufschwung Unternehmer Holtkamp kann es sich nicht verkneifen, einen Abschwung zu prognostizieren: „Oder wartet die Verwaltung vielleicht auf eine kostenlose Zementlieferung?“ Dies sei bei der LKW-Begegnungsstätte in der Innenstadt sicher möglich. „Schön wäre es, wenn sich zu dem Zeitpunkt des Zusammenpralls die mit der Sache vertrauten, zuständigen Mitarbeiter der Verwaltung und andere Absturzgefährdeten auf besagtem Balkon befinden würden. Die Detonation würde sicher bewirken… Dann könnte man endlich ganz ohne Angst das Rathaus wieder betreten!“

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