1975 - Der letzte Pängel-Anton

Enniger / Sendenhorst Der letzte planmäßige Personenzug der WLE fährt am kommenden Samstag. Am Samstag kommender Woche, dem letzten Tag des Sommerfahrplans 1975, fährt zum letzten Mal ein Personenzug der WLE auf der Strecke Münster - Sendenhorst - Enniger - Neubeckum. Damit geht nach 72 Jahren ein Stück Eisenbahngeschichte unwiederbringlich zu Ende. Damals ahnte man noch nicht, welche Formen die Motorisierung mit sich bringen würde und die Eröffnung der Eisenbahnstrecke von Münster nach Neubeckum am 1. Oktober 1903 bedeutete für den hiesigen Bereich den Anschluß an die große weite Welt. Diese Art ist nun am kommenden Wochenende zum letzten Mal gegeben. Der Zug fährt um 18.29 Uhr ab Albersloh, 18.40 Uhr ab Sendenhorst und um 18.52 Uhr ab Enniger.

Sendenhorster Bahnsteig in den 1920ern

Schon lange vor der Jahrhundertwende tauchten Pläne auf, eine Bahnstrecke Beckum – Neubeckum - Münster zu bauen. Die Resonanz in der Bevölkerung war sehr groß. Die WLE unterhielt damals bereits mehrere Strecken:
•    Lippstadt-Warstein seit dem 1. Nov. 1883,
•    Lippstadt-Beckum seit 1898,
•    Brilon - Stadt-Soest seit 1898/1899,
•    Neubeckum-Warendorf seit 1899/1901
Am 1. Oktober 1903 wurde die Strecke Münster - Neubeckum - Beckum eröffnet. 

Bild:
ABSCHIED NEHMEN von den WLE-Personenzügen mit Dampflok mußte man schon vor vielen Jahren; bald rollt auch der letzte planmäßige Personenzug mit Diesellok über die Strecke Münster-Neubeckum

Der Eröffnungszug war mit Kränzen und Fähnchen prächtig geschmückt. Ein großes Festbankett wurde im Rathaussaal abgehalten. Die Strecke Münster-Neubeckum ist 36,120 km lang und endete bis 1949 im Landesbahnhof (Münster-Ost). Erst seit dem 15. Mai 1949 fahren die Reisezüge der WLE in den Hauptbahnhof ein, nachdem man 46 Jahre nach Eröffnung der Strecke die fehlenden 700 Meter Gleise bis zum Hauptbahnhof gelegt hatte.

Von 1903 bis zum Frühjahr 1971 verkehrten regelmäßig Dampflokomotiven auf dieser Strecke. Eisenbahn-Freunde werden sich gewiß der 0031 erinnern, die bis zuletzt treu und brav ihren Dienst versah. Gleichzeitig wurden ab 1956 Diesellokomotiven eingesetzt, die ja auch heute noch laufen. Erwähnenswert ist auch das Zugpaar ET 875/786 das in den Jahren 1953/54 kurzfristig auf dieser Strecke verkehrte. Es handelt sich hierbei um einen Eilzug von Münster über Neubeckum - Lippstadt nach Warstein und zurück. Somit war der Bahnhof Enniger in seiner 72jährigen Geschichte auch einmal Haltestelle eines Eilzuges! Wenn man in alten Kursbüchern blättert, so schwankt die Anzahl der Personenzüge auf dieser Strecke. 1914 waren es zwölf, 1939 zwanzig, 1944 fünfzehn, 1950 einundzwanzig, 1966 sechzehn, 1972 bis 1974 zehn, 1975 nur noch drei Züge täglich.

Enniger war von Anfang an eine selbständige Dienststelle mit einem Bahnhofsvorsteher und einen Be-diensteten. Im Zuge der Rationalisierungsmaßnahmen wurde 1970 der Bahnhof Enniger geschlossen. Seitdem werden bei Zugkreuzungen die Weichen vom Zugbegleitpersonal mit einem Drucktastenstellwerk bedient.

Mit Schließung des Bahnhofs Enniger wurde auch die Ausgabe von Fahrkarten eingestellt. Die Ennigeraner brauchten trotzdem nicht auf die gewohnten bedruckten Kärtchen zu verzichten, zumindest wenn sie nach Münster oder Neubeckum wollten, denn seit 1970 gibt es weiterhin Fahrkarten, jetzt aber beim Friseur Stuckemeier in Enniger. Auch das wird sich insofern ändern, als es bei ihm nach dem 27. September 1975 nur noch Wochen- und Monatskarten für den Busverkehr geben wird. Der Verkauf von Einzelkarten wird eingestellt.

Die Interessengemeinschaft Enniger möchte gemeinsam mit der Bevölkerung diesen letzten Personenzug gebührend verabschieden. Alle Ennigeraner, die gerne mitmachen möchten, sind herzlich dazu eingeladen. Das Programm im einzelnen wird im Laufe der kommenden Woche durch die WN bekanntgemacht. Außerdem können Interessierte sich nähere Einzelheiten telefonisch einholen bei Bernhard Flüthe, Enniger, Tel. 130. Geplant ist bei schönem Wetter -  wie in alten Tagen - ein gemeinsamer Spaziergang nach Tönnishäuschen, wo der Zug um 18.48 Uhr hält. Auch die Kapelle Bundi ist mit von der Partie. Von Tönnishäuschen geht es dann mit Musik und guter Laune nach Enniger mit dem Zug. Die Fahrt ist für alle Beteiligten kostenlos, da die Interessengemeinschaft für eine Pauschal-Freifahrt sorgt. Der „Samba-Expreß“ wird dann nach vier Minuten Fahrzeit in Enniger erwartet, wo das Bahnhofsgebäude zur Feier des Tages noch einmal beflaggt wird. Sicherlich mit einiger Verspätung wird der Zug dann den Bahnhof Enniger unter den Klängen eines Abschiedliedes wieder verlassen. Auch hier wird er - wie in alten Tagen - original - mit Abfahrtskelle und Pfeife verabschiedet.

Und wenn dann die Schlußlichter in der Ferne verschwinden, werden gewiß viele Teilnehmer sich in der Bahnhofsgaststätte zusammenfinden und in der "DO'MI'NO-Bar" den letzten Zug begießen, getreu dem Motto: Do mi no een! b. f.

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