Das Kriegsende in Sendenhorst, aus der Betrachtung kurz nach 1945

Einiges würde heute, 70 Jahre nach Kriegsende, bestimmt anders geschrieben – So findet es sich in den Archiven… Man bedenke: Der Krieg war gerade erst zu Ende. In der Zeitung stand zu lesen: Die Russen stahlen wie die Raben - Frauen und Mädchen flüchteten vor farbigen Soldaten auf den Dachboden des St.-Josef-Krankenhauses

1950 - Kindergarten St. Michael - Overbergstraße - Einweihung Pfarrer Heinrich Westermann, Küster Eberhard Haselmann, Meßdiener und Gäste

Sendenhorst. Die letzten Tage des zweiten Weltkrieges wurden in Sendenhorst eingeleitet mit dem Bemühen, aus den Reihen der Daheimgebliebenen einen Volkssturm aufzustellen, um die Stadt gegen die heranrückenden feindlichen Truppen verteidigen zu können. Bereits in der großangelegten Versammlung im Hotel Bernhard Herweg wurde an der Möglichkeit des Erfolges der Volkssturmmänner gezweifelt und einige, die dabei gewesen waren, erinnern sich noch heute, wie H. L. Vissing von dem Kampfkommandanten unter Androhung schwerer Strafen zurechtgewiesen wurde, als er auf die Sinnlosigkeit dieses Unternehmens hingewiesen hatte.

Trotzdem: Der Volkssturm wurde aufgestellt, Gruppenführer ernannt, die Einsatzorte festgelegt, und schließlich wurden die Männer auch in der Mühlenkuhle vereidigt. Uebungen mit Panzerfäusten wurden auf dem Gelände der alten Sandgrube im Westen abgehalten. Es gab kaum Panzerfäuste, und bis zum Einzug der Amerikaner versagte auch der Nachschub, so daß der Einsatz des Volkssturms, der von den Männern nicht sonderlich ernst genommen wurde, darin bestand, daß man am Westtor mit Hilfe der SA Panzersperren aufgebaut und später ohne SA wieder abgebaut hatte. Die letzte Versammlung der Volkssturmmänner hatte am Gründonnerstag – 29. März – in der Nähe der Baracken der Gebietsführung in der Mühlenkuhle stattgefunden. Dabei, so erinnert sich ein Teilnehmer, wurde reichlich Alkohol ausgeschenkt, um die Männer bei Laune zu halten.

Am Mittag des Karsamstags, kurz nach ein Uhr, fuhren die ersten Panzerspähwagen vom Westen her in die Stadt ein. Panzer folgten. Die von SA und Volkssturm errichtete Panzersperre war verschwunden, doch aus den ausgehobenen Gräben soll das Feuer eröffnet worden sein. Durch amerikanische Geschosse sollen bei dem kurzen Gefecht nicht nur einige deutsche Soldaten getötet worden sein, sondern auch einige russische Zivilarbeiter, die sich in einer Scheune verschanzt hatten und die von den Amerikanern zerschossen wurde. Bei einem weiteren Gefecht sind in der Bauerschaft Ringhöven acht Hitlerjungen aus dem Recklinghauser Raum gefallen, als sie den Vormarsch der Amerikaner mit einer Panzerfaust aufzuhalten versuchten.  Vier schöne alte Bauernhöhe, so schreibt Pfarrer Westermann in der Pfarrchronik von St. Martini, gingen in Flammen auf: Ihre Namen sind: Ringhoff, Kalthoff, Greiwe und Middrup-Vornholz.

Die Übergabe der Stadt soll ohne Schwierigkeiten vor sich gegangen sein. Am Krankenhaus soll Pater Boesch den Amerikanern entgegengegangen sein, ein amerikanischer Offizier soll auch mit dem Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, im St.-Josefs-Stift verhandelt haben. Einzelheiten über dieses Gespräch sind nicht bekannt geworden, doch erinnert sich Pfarrer Westermann an eine deutschsprachige Sendung von BBC-London vom 2. oder 3. April 1945, in der bekannt gegeben wurde, daß alliierte Truppen den Bischof von Münster, den „Löwen von Münster“, aufgefunden hätten. Er habe aber den Fragen der ihn bestürmenden Kriegsreporter kaum eine Antwort gegeben, sie nicht gewürdigt und auch sonst kein Interview geben wollen. Er habe eine stolze Haltung gezeigt.

Die Panzer durchfuhren den Ort, einige bogen nach Hoetmar ab, andere nahmen Kurs auf Tönnishäuschen. In der Stadt wurden weiße Fahne gehißt als Zeichen der kampflosen Kapitulation. Einige Amerikaner besetzten das Rathaus. Eberhard Haselmann, damals Angestellter bei der Verwaltung, wurde noch am Karsamstag zum Rathaus gerufen: Sämtliche Schränke waren aufgebrochen, die Fußböden mit Papieren und Akten bedeckt. Ein amerikanischer Ortskommandant hatte inzwischen Dr. Schwermann zum Bürgermeister ernannt. Laufend wurden Bekanntmachungen über das Verhalten der Bürgerschaft erlassen und vervielfältigt. So wurde eine Ausgangssperre von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens verhängt. Die Kommandantur setzte sich mit dem damaligen Pfarrer Westermann in Verbindung, um einen neuen Bürgermeister zu ernennen. Mehrere wurden vorgeschlagen, doch lehnten sie das Amt ab. Schließlich wurde der pensionierte Oberinspektor Eugen Strothmann zum Bürgermeister, der auch die Verwaltungsaufgaben zu erledigen hatte, ernannt. Ihm zur Seite stand eine Dolmetscherin. Auch eine zivile Polizei wurde aufgestellt. Wie in vielen Orten, so wurden auch in Sendenhorst die üblichen Order erteilt: Alle Waffen abliefern, kein Kraftfahrzeug benutzen, Ausgehsperre!

„Die Besatzungstruppen“, so schreibt Pfarrer Westermann in der Pfarrchronik, „waren zumeist Amerikaner. Es muß ihnen nachgesagt werden, daß sie sich durchweg human betragen haben. Gewalttaten und Plünderungen seitens der Truppen sind nur wenige bekannt geworden“. Zu diesen wenigen gehörten jedoch einige Ueberfälle farbiger Soldaten. Junge Mädchen und ältere Frauen wurden von Negern des Nachts in betrunkenem Zustand überfallen, doch fanden die Frauen vom Stadtrand und aus den Bauerschaften einen Ausweg: Sie übernachteten auf dem Dachboden des Krankenhauses, wo sie vor den Soldaten in Sicherheit waren.

Viel schlimmer als diese gelegentlichen Ueberfälle waren die Plünderungen und Gewalttaten der russischen Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter. Zu den in Sendenhorst untergebrachten Fremdarbeitern  kamen in den letzten Tagen vor dem Einmarsch der Amerikaner noch zahlreiche Zivilrussen und Polen, die in der Fabrik Dünnewald zwar nur eine Nacht übernachteten, die jedoch nicht mehr alle weitergeschleust wurden. Sie wurden von der NS-Frauenschaft versorgt. Russen und Polen wurden im Arbeitsdienstlager bei Niestert und im alten Rathaus untergebracht. Für die Sendenhorster Bevölkerung begann eine schreckliche Zeit. Die meisten Bauernhöfe wurden von den Russen – Männer und Frauen hatten sich zu Gruppen vereint – und Polen beraubt. Die ehemaligen Fremdarbeiter nahmen alles, was ihnen wertvoll erschien. „Sie benahmen sich anmaßend und stahlen wie die Raben“, steht in der Pfarrchronik. Gebilligt wurden diese Gewalttaten von den Amerikanern nicht, sie bildeten auch keine Gemeinschaft mit den Russen und Polen, doch konnten die Ueberfälle nicht unterbunden werden. Meist unternahmen die Russen ihre Streifzüge in betrunkenem Zustand, wie das auch in anderen Orten der Fall gewesen war. Glücklicherweise verfügten die Sendenhorster Brennereien nur noch über kleinere Mengen Alkohol, da vom Wirtschaftsamt bereits vor dem Einmarsch der Truppen Alkoholgutscheine ausgegeben worden waren, die Einheimischen mit Alkohol versorgt wurden und Sendenhorster Bürger später in dem allgemeinen Chaos mit großen Kannen den Alkohol nur noch literweise nach Hause gefahren hatten. Trotzdem wurden viele Höfe ausgeplündert. Die Bauern hatten die Höfe nachts vielfach verlassen, um in der Stadt zu schlafen. Am Tage wurde sie oft ausgepreßt, beraubt und mißhandelt. An allen Wegen lauerten Wegelagerer. Auch verschiedene Geistliche, die zu ihrem Bischof nach Sendenhorst wollten, wurden angefallen, ausgeplündert und verletzt. Diesem verbrecherischen Treiben sah die Besatzung oftmals tatenlos zu, und oft soll das Militär beim Rauben und Plündern sogar geholfen haben. Dabei wurden Russen- und Polenlager von der Stadt mit Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen des täglichen Lebens wie Betten, Kleidung, elektrischen Geräten versorgt. Diese Geräte mußten von Sendenhorster Familien oder den zahlreichen Evakuierten – etwa 1.000 – beschlagnahmt werden. Für die zivile Polizei war das eine mehr als undankbare Aufgabe. Besonders von dieser Maßnahme betroffen wurden die ehemaligen Mitglieder der NSDAP. Viele Häuser mußten auch für die Besatzung geräumt werden. Dabei durften die Bewohner nur die dringlichsten Gebrauchsgegenstände mitnehmen. Von einer Freiheit, die die Alliierten den Deutschen bringen wollten, konnte sicherlich nicht die Rede sein.

Zum Abschluß eine kleine Geschichte, die von Mut und Entschlossenheit des damaligen Pfarrers Westermann zeugt, wie sie ein Teilnehmer einer Beerdigung in Erinnerung hat: Ein junges Mädchen kam am Krankenhaus mit seinem Fahrrad dem Trauerzug entgegen, als zwei Polen das Mädchen überfielen, um ihm das Fahrrad zu entreißen. Pfarrer Westermann – im weißen Rochett – mischte sich kurz entschlossen in das Handgemenge ein und rettete dem Mädchen so das Fahrrad. Mit Flüchen und Beschimpfungen zogen sich die Polen grollend, jedoch unverrichteter Dinge, in das Lager zurück.

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